Psychobilly II – der Wahnsinn erfasst Europa

Psychobilly Mitte der 80er-Jahre

Mitte der 80er-Jahre schien die Luft für manchen Beobachter ein wenig raus aus dem britischen Psychobilly. Zumindest der Furor der Anfangszeit hatte abgenommen Dafür stieß die verrückte Mischung aus Rockabilly, Punk und Horrorästhetik jetzt in andere europäische Länder vor. Wer anfangs geglaubt hatte, der ganze herrliche Wahnsinn sei vor allem ein Phänomen der gelangweilten Londoner Großstadtjugend, durfte sich nun vom Gegenteil überzeugen.

Demented are go – ein neuer Abschnitt beginnt

Als Startschuss für die zweite Phase des Psychobilly gilt gemeinhin das Debütalbum einer Band, die eigentlich als Geheimtipp schon seit Jahren in der Szene mitmischte. “In Sickness and in Health” von “Demented are go” gilt heute als ein Psychobilly-Klassiker. Die Band aus Wales unterschied sich von vielen anderen Psychobilly-Bands unter anderem dadurch, dass sie von Beginn an auch auf Punk-Festivals auftrat.

Dort sorgten sie nicht nur mit ihrer eigenen trashigen Version von Rock´n´Roll für Aufsehen, sondern auch durch Ihre abenteuerlichen Outfits inklusive wahnwitziger Frisuren und blutverschmierten Gesichtern. Frontmann “Sparky” war außerdem einem kleinen Bühnestriptease oft nicht abgeneigt. Dass er über viele zwischenzeitliche Bandauflösungen und Neubesetzungen hinweg heute immer noch mit Demented are Go auf der Bühne steht, ist ein kleines Wunder. Schließlich schien der Sänger in der Vergangenheit schon mehrmals endgültig von Alkohol und Drogen aufgefressen.

Mad Sin und Nekromantix – Europas Psychobillyhelden

Ein deutlicher Punkeinschlag kennzeichnet auch den Sound von Deutschlands bekanntester Psychobilly-Band “Mad Sin”. Und auch sie hat einen Frontmann, der seinen exzessiven Lebensstil bis an die Grenze treibt. Die Gruppe um den Berliner Frontmann “Köfte” zeigt sich offen gegenüber verschiedenen musikalischen Einflüssen, neben Punk und Rockabilly dürfen auch Harcore und Metal eine kleine, aber feine Rolle spielen. 1988 erscheint das Debütalbum von Mad Sin mit dem schwer zu merkenden Titel “Chills & Thrills In A Drama Of Mad Sin & Mystery”. In den 90ern wird die Band sogar kurzzeitig von einem Major-Label vertrieben. Das stellt sich als ein kurzes Intermezzo heraus, das dem Standing innerhalb der Psychobilly-Szene bis heute keinen Abbruch tut.

Die Dänen “Nekromantix” entfalten in ihrer Karriere sogar noch mehr Mainstream-Potenzial. Ihr Album “Brought Back to Life” von 1994 wird für einen Grammy nominiert, obwohl es bei keinem Major erschienen ist. Später sollte die Band auch in den USA erfolgreich sein. In jedem Fall sind es die Lockerheit und der außergewöhnliche Humor, der Nekromantix auch innerhalb der ohnehin recht unverkrampften Psychobilly-Szene auszeichnen. In der Mehrheit gefestigter als die Musiker anderer Psychobillybands betonen die verschiedenen Mitglieder von Nekromantix immer wieder ihren Willen, sich, ihre Musik und das Leben an sich nicht zu ernst zu nehmen. Ein besonderer Eyecatcher bei Liveauftritten ist der wie ein Sarg geformter Kontrabass von Leader “Kim Nekroman” (Dan Gaarde). Stilpuristen sind Nekromantix ebenfalls nicht. Rock und Metal dürfen in ihrem Psychobilly eine größere Rolle spielen.

 

Amerika lässt auf sich warten

Psychobilly war schon in seinen Anfängen eine außergewöhnlich vielfältige Erscheinung. Auch The Meteors würzten den Rockabilly ausgiebig mit genrefernen Zutaten. Mit Bands wie Mad Sin oder Nekromantix wird die Palette in den ausgehenden 80er- und fühen  an musikalischen Ausdrucksformen noch größer. Neben Rockabilly und Punk bedienen sich Psychobilly-Bands nun immer mehr an Rockmusik der härteren Gangart. Heavy Metal und Hardcore sorgen dafür, dass Psychobilly-Bands auch bei Anhängern von Faith no More und Co. in den 90er-Jahren einen gewissen Bekanntheitsgrad genießen. Da ist es umso verwunderlicher, dass es lange dauert, bis Psychobilly in den USA Fuß fasst.

Eine frühe Ausnahme ist “The Reverend Horton Heat“. Gegründet 1985 erspielte sich das texanische Trio um den Frontmann Jim “Reverend Horton” Heath schnell einen gewissen Bekanntsheitsgrad in der Undergroundszene. Ihr ureigener Mix aus Country, Rockabilly, Punk und Swing machte das amerikanische Publikum wohl zum ersten Mal mit Psychobilly bekannt, auch wenn der Reverend und seine Mannen nur bedingt der Szene zuzurechnen sind. Sie sollten aber nicht lange allein bleiben.

 

 

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