Die schwarze Dahlie – Elizabeth Short

Es war ein kalter Morgen am 15. Januar 1947. Der Wind kam aus Norden und das Mädchen und ihre Mutter hatten ihre Schals fest vors Gesicht gebunden. Sie waren auf dem Weg zur Schule, als die Kleine eine Entdeckung machte, die sie für den Rest ihres Lebens traumatisieren sollte. Von sehr weit weg muss es ausgesehen haben wie eine Puppe, die ihr bösartiger Bruder in einem Anfall von Geschwisterhass zugerichtet hatte. Doch als die Mutter näher heran ging, war schnell klar, dass das Mädchen hier kein kaputtes Spielzeug entdeckt hatte. Zumindest kein Spielzeug für Kinder. Denn wer auch immer diese Leiche hier in Leimert Park, Los Angeles, Kalifornien, abgelegt hatte, hatte vorher ausgiebig an ihr rumgespielt.

Die schwarze Dahlia

 

Kurz darauf wimmelte es an der Ecke South Norton Avenue und 39. Straße nur so von Bullen, Reportern und Schnüfflern wie mir. Ich kannte einen der Detectives vom LAPD und so konnte ich mir ein Bild vom Tatort machen. Ich war im Krieg gewesen und ich hab auf den Philippinen viel gesehen, aber DAS hier verschlug auch mir den Atem. Ich kann’s euch sagen Leute, mir war schnell klar, warum hier jeder am Tatort einen Flachmann in der Hand hatte und warum ein paar junge uniformierte Officers ein paar Meter weiter hingebungsvoll in die Wiese kotzten. Das Opfer war ein junges Mädchen, Anfang 20 oder so, rote Haare und ziemlich hübsch. Zumindest, soweit man das noch erkennen konnte. Ihr Körper war in der Mitte präzise auseinander geschnitten worden und man hatte ihn ausbluten lassen und sauber gewaschen. Irgendwer hatte sich pervers viel Mühe gegeben. Ihre Lippen waren zu einem grotesken Grinsen aufgeschlitzt. Auf ihren zerhackten Brüsten fanden sich Brandwunden von ausgedrückten Zigaretten und auch der Rest ihres Körpers war mit Verstümmelungen übersäht. Auf einem Oberschenkel fehlte ein dreieckiges Stück Fleisch, das der Gerichtsmediziner später in ihrem Körper wieder fand. Auf dem fehlenden Stück befand sich eine tätowierte Rose. An ihren Hand- und Fußgelenken konnte man erkennen, dass sie längere Zeit gefesselt gewesen war.

Ich hatte zwar keinen Auftraggeber und niemanden, der in diesem Fall meine Spesen übernahm, aber nachdem der Mord nicht aus den Zeitungen verschwinden wollte, und die Polizei nichts ans Tageslicht brachte außer wildesten Spekulationen, witterte ich die Chance, einen der spektakulärsten Mordfälle des Landes aufzuklären.

Und das obwohl „LA’s finest“ einen echten Aufriss veranstalteten: Über 200 Beamte zogen in der Nachbarschaft von Tür zu Tür um jeden, aber auch wirklich jeden, der in drei oder vier Katzenwürfen Entfernung zum Tatort wohnte, zu befragen. Außer falschen und verwirrenden Hinweisen kam nichts dabei raus und die Bullen begannen langsam ziemlich dämlich auszusehen, bei dem, was die Presse schnell als „LA’s größte Verbrecherjagd“ verhandelte.

 

Die schwarze Dahlia

Ich ließ ein paar Verbindungen spielen und bald wusste ich, dass das Opfer Elizabeth Short aus Hyde Park, Massachusetts war. Bisher war sie in ihrem Leben hauptsächlich zwischen Florida und Massachusetts hin und her gependelt, bis sie im Alter von 19 Jahren nach Kalifornien zu ihrem Vater zog. Der warf sie bald wieder raus, weil sie nicht arbeiten, sondern stattdessen lieber ständig lange ausgehen wollte. Sie war zum Zeitpunkt ihres Todes 22 Jahre alt und war nach Hollywood gekommen, um einen alten Freund wieder zu sehen und den großen Traum, den alle kleinen Mädchen nach dem zweiten Weltkrieg träumten, zu leben: Sie wollte Schauspielerin werden. Außer ein paar kleinen Nebenrollen wurde daraus aber nichts und sie schlug sich hauptsächlich als Kellnerin und Kassiererin durch. In den folgenden Wochen las ich übrigens immer wieder, sie sei ne Bordsteinschwalbe gewesen. Sie war zwar bei der Polizei in San Bernadino keine Unbekannte, man hatte sie verhaftet weil sie betrunken und noch nicht volljährig aufgegriffen wurde, aber mehr war da nicht. Ich kann mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass sie nie im horizontalen Gewerbe gearbeitet hat. Ihre Army Bekanntschaften stellten sich alle als sauber heraus und auch das allerwichtigste, nämlich ein Motiv, die „Schwarze Dahlie“, wie die Pressefuzzies sie inzwischen nannten, auf den Weg über den Regenbogen zu schicken, konnte ich nicht entdecken. Auch warum der Killer ihr Haar nach dem Tod rot gefärbt hatte, erschloss sich mir nicht.
Die schwarze Dahlia

Alles deutete auf ein klassisches Vergewaltigungsdelikt hin, denn der Bericht des Pathologen ergab, dass sie vor und nach ihrem Tod missbraucht worden war. Es hätte jeder sein können, einer der sie als Anhalterin mitgenommen hatte, oder tatsächlich der Kerl mit dem sie sich angeblich sechs Tage vorher im Biltmore Hotel treffen wollte, wo sie zuletzt lebend gesehen wurde. Mehr als 50 Spinner hatten sich nach dem Bekanntwerden der Tat selbst als Mörder bei der Polizei angezeigt. Die meisten von ihnen wurden nach ein paar Tagen ins Hotel für die geistig etwas weniger Begüterten verlegt.

Wer warst du, Elizabeth Short? Je mehr ich über sie erfuhr, desto weniger wusste ich über sie. In erster Linie Gerüchte, sie habe etwas mit der Monroe gehabt, gegen Geld versteht sich, und ähnlicher Mist, der in die Boulevardzeitungen gehörte und mich bei den Ermittlungen keinen müden Furz weiterbrachte.

Eine Möglichkeit blieb offen, und diese war so dermaßen absurd und über viele Ecken zustande gekommen, dass sie fast schon wahr sein musste. Und zwar die Tatsache, dass die Schwester von Elizabeth Short mit der Tochter eines Arztes aus der Gegend bekannt war. Virginia, Elizabeths Schwester, hatte einen Navy Typen namens Adrian West geheiratet. Dieser Adrian West war Mitglied einer Presbyterianischen Gemeinde, der auch Barbara Lindgren angehörte, die bei der Hochzeit anwesend war und als Trauzeugin auf dem Trauschein unterschrieben hatte. Ihrer Mutter gehörte zur Zeit des Todes von Elizabeth Short ein Haus, nur einen Block vom Tatort entfernt. Der Vater von Barbara Lindgren, Dr. Walter Alonzo Bayley, ein Chirurg, hatte zu dem Zeitpunkt eine Affäre mit einer anderen Ärztin und die Scheidung von seiner Frau eingereicht, die trotzdem im Haus auf der South Norton Avenue wohnen blieb. Darüber hinaus wusste ich, dass Elizabeth pleite war, als sie ihr Vater raus warf und selten mehr als ein paar Wochen in einer Pension, einem billigen Motel oder bei Bekannten gewohnt hatte.

Wenn sie sich tatsächlich in ihrer Not an den Vater der Bekannten ihrer Schwester wandte, dessen Geistes- zustand bereits 1946 begann, sich durch Alzheimer und eine Hirnschrumpfung zu verschlechtern, war es möglich, dass er sie für eine Zeit bei sich aufnahm. Und wer weiß schon, wie das dann wirklich gelaufen ist, seine Murmel funktioniert nicht mehr so richtig, die Kleine ist’n heißer Feger und er will gerne was dafür haben, dass sie bei ihm wohnen darf. Aber sie ist nicht bereit, ihre Beine dafür breit zu machen. Oder der geistig derangierte Bayley sieht in Elizabeth die Möglichkeit auf seine Noch-Ehefrau den Druck auszuüben, der nötig ist, damit sie das Haus aufgibt und in die Scheidung einwilligt, indem er Beths zerhäckselte Leiche quasi in ihrem Vorgarten ablegt. Doch das ist alles nur Spekulation. Fakt ist, er hatte die handwerklichen Fähigkeiten eine derartige Sauerei anzurichten und über ein paar Ecken gab es eine persönliche Verbindung zu dem Opfer bzw. seiner Familie. Fakt ist auch, dass ich ihm nie etwas beweisen konnte und sein geistiger Verfall immer weiter fort schritt bis ich etwa ein Jahr später erfuhr, dass er verstorben war.

Die schwarze Dahlia

Ich war in einer sauberen Sackgasse angelangt und mir ging langsam aber sicher die Kohle aus. Also schloss ich die Akte der „schwarzen Dahlie“, fand mich damit ab, doch nicht als der größte Detektiv in den USA der Nachkriegszeit in die Geschichte einzugehen und ging weiter auf die Jagd nach Ehemännern, die ihre Frauen betrogen, oder was mir sonst so das tägliche Brot einbrachte. Aber ich kann es nicht lassen die Unterlagen immer und immer wieder durchzugehen, um herauszufinden, was ich übersehen habe, was mir entgangen ist und mich heute noch zu dem Schweinehund führen könnte, der das Leben des jungen Mädchens auf so dermaßen grauenvolle Art und Weise beendet hat.

Private Investigator Johnny Smirnoff

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