Moonshine – Prohibition, Schwarzbrenner und White Mule I

Am 16. Januar 1920 war es soweit. An diesem Tag trat der 18. Zusatz zur Verfassung der Vereinigten Staaten in Kraft. Dieser sollte kein geringeres Ziel erreichen als ein ganzes Land auszunüchtern. Nur 13 Jahre später war das Experiment gescheitert. Statt aus einem Volk von mutmaßlichen Trinkern eine Nation von Abstinenzlern zu schaffen, hatte die sogenannte “Prohibition” eine florierende Schattenindustrie ins Leben gerufen, die von skrupellosen Gangster-Netzwerken dominiert wurde und Mafiaikonen wie Al Capone hervorbrachte. Daneben hatte das Alkoholverbot dem einen oder anderen zu unverhofften Reichtum verholfen, der erfinderisch und gewissenlos genug war, Alkohol selbst herzustellen – im Zweifelsfall in seiner Badewanne. “Moonshine” war das Zauberwort der Stunde. Für manch einen war es sein Sargnagel.

Die Tradition der Moonshiner in den USA

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Moonshining in Kentucky Mitte des 19. Jahrhunderts wikimedia.com

Das Schwarzbrennen war schon vor der landesweiten Prohibition ein verbreitetes Hobby in den USA, das bis ins 17. Jahrhundert zurückging. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten die Verfechter eines Alkoholverbots vielerorts in den USA an Unterstützung gewonnen, sodass ein Alkoholverbot in in manchen amerikanischen Städten und Staaten lange vor Inkrafttreten des 18. Amendments traurige Realität war. An Orten, an denen das zutraf, konnten Schwarzbrenner auf eine große Nachfrage zählen. Da sie ihrem Gewerbe auf dem Land oftmals nachts im Freien nachgingen, um nicht erwischt zu werden, wurde das Resultat auch als “Moonshine” bezeichnet. Vor allem in der Wildnis der Appalachen besserten unzählige Farmer ihre Einkünfte auf, indem sie Getreide in Whisky verwandelten.

Mit dem offiziellen Verbot der Herstellung, des Verkaufs und des Transports von Alkohol in den ganzen USA brach ein goldenes Zeitalter für Moonshiner an. Denn die Hoffnung von Abstinenzvertretern, dass der Durchschnittsamerikaner einfach aufhören werde, zu trinken, wenn er auf legalem Wege keinen Alkohol mehr erhalte, erwies sich als trügerisch. Vielmehr bewies die Prohibition, was Menschen zu trinken bereit sind, nur um in den Genuss eines Rausches zu kommen.

Schmuggelware, medizinischer Alkohol und Messwein – Versorgung für durstige Kehlen

Neben dem Schwarzbrennen blühte in der Prohibition der Alkoholschmuggel auf. Legendäre Schmuggler wie der Glücksritter Bill McCoy transportierten ihre promillehaltige Ladung in ganzen Flotten. Schlauerweise ankerten sie direkt außerhalb der Drei-Meilen-Zone vor der amerikanischen Küste, die die nationalen Hoheitsgewässer begrenzte. Dort reihten sie sich in einer Linie auf, die von Zeitgenossen als “Rum Row” bezeichnet wurde – ein schwimmender Supermarkt, dem amerikanische Behörden wenig anhaben konnten. Abgeholt wurde die Ware von Fischkuttern oder Motorbooten, die den Alkohol über verborgene Landeplätze an Land schafften.

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Alkoholschmuggler Bill McCoy / wikimedia.com

Allerdings stellte Schmuggelware nur einen verhältnismäßig geringen Teil des Angebots an alkoholischen Getränken während der Prohibition dar – auch wenn Verkäufer gerne behaupteten, es handele sich bei dem von ihnen verkauften selbstgebrannten Fusel um hochwertigen Whisky oder Rum aus anderen Ländern.

Eine andere Möglichkeit, an Alkohol zu kommen, ohne auf Moonshine zurückzugreifen, stellten medizinische Verschreibungen dar. Im Jahr 1923 stellten Mediziner in den USA insgesamt 11 Millionen Rezepte auf Whisky aus. Fast die Hälfte davon erhielten Patienten aus Illinois und New York, Staaten, die für Ihren hohen Alkoholkonsum während der Prohibition berühmt waren. Neben Ärzten, die sich selbst mit ihren Rezepten “belebten” oder diese gewinnbringend verkauften, machten Drogeristen und geschickte Unterschriftenfälscher mit medizinischem Alkohol Geschäfte.

Ein anderer Berufsstand, der auch nach 1920 in begrenztem Maße Alkohol erhielt, waren Geistliche. Da die Zulassung von Rabbis weniger streng kontrolliert wurde als die von Priestern in der katholischen Kirche, kam es während der Prohibition auf wundersame Weise zu einem sprunghaften Anstieg von jüdischen Gemeinden und Geistlichen. Erstaunlicherweise gab es jetzt auch jüdische Gemeinden mit katholischen und protestantischen Gemeindemitgliedern. Außerdem ging so manch ein Rabbi dazu über, sakramentalen Wein zu verkaufen – formal natürlich nur an andere Geistliche. Zeitgenossen fiel allerdings auf, dass das Sortiment solcher Läden auch Getränke enthielt, die im sakramentalen Rahmen eher unüblich waren,  wie Gin und Champagner.

Schließlich verschwanden in den 20er Jahren große Mengen an Alkohols, die für industrielle Zwecke gedacht waren, aus Lagerhallen und Transportfahrzeugen.
Rumble59 - Devils Booze Whisky

Moonshine und Bathtub Gin

Während der Alkoholschmuggel ein guter Stoff für romantische Gangstergeschichten war, handelte es sich bei dem größten Teil der während der Prohibition verkauften alkoholischen Getränke um selbst hergestellten Stoff – in der Regel Schnaps, weil dessen Produktion ungleich leichter war als das Brauen von Bier.  Entsprechend sank zwar der Konsum von alkoholischen Getränken insgesamt während der Prohibition, der von Hochprozentigem – Whisky oder Gin – stieg dafür drastisch an.

Dem Begriff “Hochprozentig” machte Moonshine alle Ehre. Ein Alkoholgehalt von weit über 50 Prozent war keine Seltenheit und ökonomisch durchaus sinnvoll. Schließlich war es schwierig, größere Mengen Alkohol unbemerkt zu transportieren. Deshalb setzte man lieber auf einen hohen Wirkungsgrad – davon abzusehen, dass Moonshiner ohnehin nur ein begrenztes Maß an Kontrolle über das Ergebnis ihrer Destillierversuche hatten. Wenn es sich um 85 Prozent handelte, umso besser…

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Moonshiner bei der Arbeit/wikimedia.com

Käufern war anzuraten, lieber nicht über die Art der Herstellung ihres frisch erworbenen Gins nachzudenken. Im Zweifelsfall war dieser in einer dreckigen Badewanne hergestellt worden. Hygiene spielte dabei kaum eine Rolle und der Erfindungsreichtum von Moonshinern kannte keine Grenzen, ging es um die Erhöhung ihres Profits. Damit wurde das Sprichwort vom Schnaps, der blind macht, für so manch einen Amerikaner traurige Realität.

 

 

2 Comments

  • Johannes Jooss sagt:

    “Destillieren” ist hier tatsächlich das falsche Wort, danke 😉 Allerdings geht es auch nicht um die Maische in diesem Zusammenhang. Prohibitions-Gin wurde tatsächlich häufig in der Badewanne “hergestellt”, wenn man es denn so nennen will.

  • Paul Popel sagt:

    In der Badewanne wurde natürlich nicht destilliert, sondern nur die Maische angesetzt.

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