Pomade, Entenarsch und Rock´n´Roll

Pomade, Entenarsch und Rock´n´Roll

300 Jahre Pomade – Zeit für einen kleinen Rückblick.
Rudolph Valentino war der Brad Pitt der frühen 20er-Jahre. Der Stummfilmstar bescherte Frauen Ohnmachtsanfälle und Männern Wutausbrüche. Während die einen den gebürtigen Italiener mit dem Schlafzimmerblick als Inbegriff eines Sexsymbols betrachteten, war er für andere der Untergang des amerikanischen Mannes. Mitschuld an beidem war, dass Valentino seine Haare mit Pomade in Form brachte.

Pomade im 18. Jahrhundert – Glanz und Form für Perücken

Pomade war keine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Schon 200 Jahre, bevor Valentino sie benutzte und damit den Latin-Lover-Look perfektionierte, verwendeten Männer im europäischen Adel Pomade.

Sie bändigten damit allerdings weniger echte Haare als Langhaarperücken. Vor allem sorgte eine ordentliche Schicht Pomade dafür, dass der Puder, der auf die Haare bzw. Perücke gestäubt wurde, dort hielt. Zur Herstellung wurden Bienenwachs, Schweinefett und Öle verwendet. Für einen angenehmen Duft sollte manchmal auch die Zugabe von pürierten Äpfeln sorgen. Daher kommt auch der Name „Pomade“ („pomata“ bedeutet im Italienischen „Apfel“). Dabei mussten die adeligen Pomadenträger peinlich genau darauf achten, das fettige Gemisch von ihren feinen Seidengewändern fernzuhalten, denn einmal dort angekommen, hinterließ es unweigerlich Spuren der Zerstörung.

Pomade in den USA – Der Durchbruch 

War die Pomade im 18. Jahrhundert Ausdruck von Vornehmheit, erschien sie vielen amerikanischen Männern 200 Jahre später als Zeichen von Verweichlichung und Dekadenz. Rudolph Valentino und seine Nachahmer wurden als „Vaselinos“ beschimpft. Echte Männer, so die zeitgenössische Meinung, schmierten sich nichts in die Haare – auch wenn sie damit zum Sexsymbol wurden. Dass Valentino in seinen Filmen Ohrringe trug, machte die Sache nicht besser.

Dabei war der leicht reizbare Filmstar alles andere als ein „Weichei“. Das stellte er spätestens dann unter Beweis, als er den anonymen Autor eines Schmähartikels in der Chicago Tribune zu einem Boxkampf herausforderte. Der zog es vor, nicht zu erscheinen. Stattdessen trat der für Boxkämpfe zuständige Redakteur des New York Evening Standards an, der Valentino, wie viele seiner Kollegen, für einen parfümierten Schwächling hielt, und wurde von einer kraftvollen Linken auf die Matte geschickt. Schließlich hatte sich der Filmstar von dem Schwergewichtschampion Jack Dempsey persönlich trainieren lassen.

Ob das dazu beitrug, die Pomade in Amerika zu etablieren sei dahingestellt. Fakt ist, in den folgenden Jahren setzte sich das ölige Haarpflegemittel, das nun in erster Linie aus Vaseline, Ölen und Parfüm bestand, in Amerika immer mehr durch. Bald gehörte es zur Standardausrüstung des gepflegten Mannes und jedes Barbershops. Klassische Pomaden wie Murray´s, Sweet Georgia Brown, DAX oder die Black & White feierten ihre Geburt in den 20ern und 30ern. Ein anderer Prominenter, der zum Durchbruch der Pomade beitrug, war übrigens der afroamerikanische Boxer Joe Louis alias der „braune Bomber“. Wie viele Afroamerikaner benutzte der Schwergewichtsweltmeister Pomade, um seine krausen Haare zu bändigen. Er warb nicht nur für Murray´s, sondern brachte sogar sein eigenes Produkt heraus – allerdings nur kurze Zeit. Wer heute eine der wenigen übrig gebliebenen Dosen Joe Louis Pomade kaufen will, zahlt dafür ein paar Hundert Dollar.

Pomade in den 50er Jahren – Entenarsch und Rock´n´Roll

Bis in die 50er Jahre stand Pomade eher in Verbindung mit dem Jazz Age, dem Big Band Swing der 30er und 40er Jahre und einem elegant-urbanen Look. Die Haare wurden glatt nach hinten gestrichen – wie es schon Valentino vorgemacht hatte – oder später wie Gary Grant, einem anderen prominenten Pomadennutzer, mit einer kleinen Minitolle versehen.

Auch als der Friseur Joe Cirello 1938 eine Frisur erfand, die rebellischer aussah, dachte er zuerst an Benny Goodman und nannte sie den „Swing Haircut“. Bald allerdings übernahm er die Bezeichnung, mit der Jugendliche seine Neuschöpfung bedachten und entschied sich für D.A. (Duck´s Ass). Für den festen Halt der Frisur, die aus dem richtigen Blickwinkel tatsächlich an einen Entenarsch erinnerte, verwendete Cirello nach eigenen Angaben Wildroot Cream und Butch Wax.

Berühmt wurde Cirellos Kreation als sie sich in den 50er-Jahren mit dem lasziven Blick von Elvis Presley und einem Sound verband, der die biedere Nachkriegsidylle in amerikanischen Vorstädten und deutschen Biedermeier-Wohnzimmern gleichermaßen zum Beben brachte. Pomade wurde zum Stylingprodukt aller, für die Rock´n´Roll einen attraktiven Gegenentwurf zum „Schaffe, schaffe, Häusle baue“ darstellte.

Die Produkte mit denen Elvis und Co. ihre Haare formten, wie die Black & White Pomade aus Memphis, waren in der Bundesrepublik allerdings kaum erhältlich. Deutsche Jugendliche verwendeten stattdessen die deutsche Frisiercreme Brisk oder Wellaform, um ihrer Tolle Halt zu verschaffen. War beides nicht griffbereit, wurde Butter oder Schmalz in die Haare gestrichen.

Sie ernteten damit bei Angehörigen älterer Generationen denselben Unmut wie Valentino Jahrzehnte zuvor. Wer es wagte, sich in einem deutschen Haushalt mit einer Pomadenfrisur an den Esstisch zu sitzen, konnte sich auf eine Tracht Prügel gefasst machen. Entsprechend zogen es viele deutsche Halbstarke vor, sich die Tolle erst auf dem Weg zur Schule zu machen und zu Hause einen traditionellen Topfschnitt vorzuführen.

Pomade liegt wieder im Trend – Abgesang und Comeback

Pomade - Elvis Tolle - 50s - eine Geschicht aus über 300 Jahren

(c) 2014 rumble59.com


Zum Übergang in die 60er-Jahre war die ohnehin recht gering ausgeprägte Rock´n´Roll-Begeisterung in Deutschland endgültig tot. In englischen Städten wie Liverpool jedoch erlebte die Musik eine Hochzeit und mit ihr auch der dazugehörige Look. Auch die Beatles verwendeten zu Beginn Ihrer Karriere Pomade, um sich die Haare nach dem Vorbild von Gene Vincent oder Eddie Cochrane zu stylen. Sie ließen sich erst von der deutschen Kunststudenten Astrid Kirchherr davon abbringen und zur Mopfrisur überreden. Ab da und mit dem Siegeszug der Beatmusik ging es endgültig bergab mit der Schmiere im Haar. Stattdessen wurden die Haare nun länger und lockiger – bis hin zu Hippiemähnen und den mit Haarspray fixierten Gebilden á la Motley Crue.

Ein Comeback bei einem breiten Publikum erlebte die Pomade zwischenzeitlich mit dem Musical Grease (deutsch „Schmiere“) und der legendären Verfilmung 1978, in der John Travolta einmal mehr bewies, wie gut Pomade in Kombination mit einem guten Rock´n´Roll-Tanzstil aussehen kann. Mittlerweile ist das Haarstylingprodukt in Deutschland wieder im Kommen. Immer mehr Männer entdecken die Vorteile von Pomade – den Look, das Gefühl und den Duft. Ein breites Sortiment an Pomade, Schmiere & Co findet Ihr natürlich in unserem Shop.
(Text: Johannes Jooss)