The Million Dollar Quartet – Geschichte einer legendären Session

Am 4. Dezember 1956 wurde Musikgeschichte geschrieben in Memphis. Elvis Presley, Carl Perkins, Johnny Cash und Jerry Lee Lewis gemeinsam bei der Arbeit im Sun Studio – ein solches Ereignis hätte den Träumen eines eingefleischten Rockabilly-Fans entspringen können. Dass es dazu kam, ist vor allem einigen glücklichen Zufällen und Sam Phillips zu verdanken.

Carl Perkins und Jerry Lee Lewis – der Ausgangspunkt für das Million Dollar Quartet

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Carl Perkins 1955 wikimedia.com

Am Anfang der Geschichte stand eine reguläre Aufnahme mit einer ungewöhnlichen Zutat. Denn Sam Phillips, der Mann mit dem Riecher für große Talente, hatte eben ein neues entdeckt, mit dessen Hilfe er frischen Wind in den bereits ziemlich erfolgreichen Sun  Studio Sound bringen wollte. Jerry Lee Lewis war zu dieser Zeit ein weitgehend unbekannter Klavierspieler, der gerade erst seine erste Single “Crazy Arms” eingespielt hatte. Aber Phillips war überzeugt, dass der junge Musiker vom Land eine große Zukunft vor sich hatte. Außerdem spielte Lewis Klavier, genau das Richtige, um für Abwechslung im typischen Rockabilly-Gitarren-Sound zu sorgen.

Also engagierte Phillips Jerry Lee Lewis für die neuesten Aufnahmen von Carl Perkins, “Matchbox Blues” und “Your True Love” im Sun Studio. Angeblich war Lewis, der schon damals ein ziemlicher Dickschädel war, zunächst mäßig begeistert von einer solchen “Session Work”, aber immerhin war es nicht irgendjemand, sondern Carl Perkins, der seine Dienste suchte. Also begab sich der junge Pianist am 4. Dezember ins Studio, gemeinsam mit Perkins, dessen Brüdern Jay und Clayton und dem Schlagzeuger W.S. “Fluke” Holland.

Elvis Presley und Johnny Cash – Zufall und Berechnung

Perkins war ein Star, aber der “King” war Elvis Presley, daran bestand kein Zweifel. Deshalb musste sogar Jerry Lee Lewis nicht überredet werden, noch ein bisschen dazubleiben, als Phillips ihm ankündigte Elvis käme vorbei und würde ihn gerne treffen. Dass sich der berühmteste Rockmusiker Amerikas bald nach seinem Eintreffen entschied, mit den anderen Anwesenden zu jammen, entspricht wohl nicht ganz der Wahrheit. Stattdessen entwickelte sich die Session eher zufällig. Laut Rick Braggs Biografie von Jerry Lee Lewis begann alles damit, dass Elvis sich an ein Klavier setzte, ein paar Töne spielte und verkündete: “Everybody ought to play a piano”. Schon bald entwickelte sich eine lockere Jam-Session, unterbrochen von Anekdoten durch einen ungewöhnlich heiter aufgelegten Elvis.

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Der Ort des Geschehens wikimedia.com

Sam Phillips erkannte sofort das Außergewöhnliche dieser Situation, eilte in den Aufnahmeraum und ließ ein Band mitlaufen. Außerdem rief er umgehend seinen zu dieser Zeit größten Star, Johnny Cash, an und forderte diesen auf, sich in sein Auto zu setzen und zum Sun Studio zu fahren – so erzählt es zumindest die eine Seite. Cash selbst erinnert sich daran, bereits von Anfang an anwesend gewesen zu sein, noch vor Elvis. Die zweite Person, die einen Anruf von Phillips erhielt, war Kolumnist Bob Johnson von der örtlichen Tageszeitung “Memphis Press-Scimitar”.

Von Chuck Berry bis “Walk that Lonesome Valley” – die Songs

Die Songauswahl der Stars mag ein wenig überraschen. Denn bis auf gelegentliche kurze Ausflüge in Rock’n’Roll-Gefilde, vor allem Chuck Berry Songs, beschränkten sich die Musiker in erster Linie auf Gospel und Country – ihre Wurzeln gewissermaßen. So umfasste die “Playlist” unter anderem “Jesus Walked That Lonesome Valley” und “I Shall Not Be Moved”, genauso wie “Jingle Bells” und “Don’t Be Cruel”. Die meiste Zeit übernahm Elvis die Leadstimme. Am Klavier löste ihn irgendwann Jerry Lee Lewis ab, der mit seiner typischen Offenheit auf Elvis’ Kommentar “The wrong man’s been sitting here on this piano” antwortete: “Well, I been wanting to tell you that all along”.

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Das Musical Elliot Brown/wikimedia.com

Wessen Stimme jeweils noch im Hintergrund zu hören ist, darüber streiten sich Musikhistoriker, Journalisten und Zeitgenossen bis heute. So gibt es Aussagen, dass Johnny Cash nur eine Stunde anwesend war und dann fuhr, um Weihnachtseinkäufe zu erledigen – ohne jemals mit aufs Band zu kommen. Andere behaupten, der Countrystar habe bei mindestens 8 Stücken mitgesungen, aber weit vom Mikrofon gestanden. Jerry Lee Lewis dagegen meint, Cash konnte als Baptist die Texte der Gospelsongs nicht – Perkins auch nicht, aber der habe trotzdem einen “guten Job” gemacht, für einen Baptisten.

Wie auch immer, dass diese Session am 4. Dezember 1956 etwas Besonderes war, war auch den vielen Zeitgenossen klar, die spontan im Sun Studio vorbeikamen – manche davon brachten ihr Instrument mit, andere ihre Kinder. Bob Johnson, der nicht mitbekommen hatte, dass Phillips ein Band mitlaufen ließ, schrieb am nächsten Tag: “If Sam Phillips had been on his toes he’d have turned the recorder on when that very unrehearsed but talented bunch got to cutting up. That quartet could sell a million.” Damit war der Ausdruck “Million Dollar Quartet” geboren. Veröffentlicht wurden die Aufnahmen übrigens erst in den 80er Jahren das erste Mal. Das Musical “Million Dollar Quartet” erzählt die Geschichte der berühmten Session seit 2007 auf der Bühne nach – mit einigen künstlerischen Freiheiten.

 

 

 

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