Wie Little Richard den Rock ‘n’ Roll ein zweites Mal erfand

Little Richard im Konzert

Als Little Richard in einem Aufnahmestudio in New Orleans die ersten Töne von Tutti Frutti ins Klavier prügelte, war Rock ‘n’ Roll nichts Neues mehr. Trotzdem änderte sich irgendwie alles, wenn Richard zu singen anfing „Womp-bomp-a-loom-op-a-womp-bam-boom“. Ein Nachruf auf den vielleicht größten Rebellen der Rockmusik.

 

King und Queen des Rock ‘n’ Roll

In den 50er-Jahren war der Hüftschwung von Elvis Presley eine Provokation, die in bibeltreuen Familienvätern Mordgedanken weckte. Im Gegensatz zu dem, was Richard Wayne Penniman alias Little Richard auf der Bühne darbot, war Presley allerdings der sprichwörtliche Waisenknabe.

Nicht nur mischten sich bei Richards Konzerten im tiefen Süden  schwarzes und weißes Publikum fröhlich durcheinander. Wenn der Sänger und Pianist, der sich selbst gerne als “king and queen of rock ‘n’ roll” bezeichnete, mit turmhohen Haaren und tonnenweise Make-up im Gesicht in sein “Woo-ooh-ooh” ausbrach, brachte er alles ins Wanken, was das moralische Korsett konservativer Zeitgenossen zusammenhielt.

Dabei hatte es nicht immer so ausgesehen, als hätte das Leben für Richard Wayne Penniman eine glorreiche Zukunft parat. Klein, schmächtig und mit zwei unterschiedlich langen Beinen gesegnet, wurde der spätere Star in seiner Jugend lange gehänselt. Auch die Reaktionen auf seine Stimmgewalt waren zunächst geteilt. Sein expressives Mitsingen in der Kirche brachte ihm den wenig schmeichelhaften Spitznamen “War Hawk” (Kriegstreiber) ein.

 

Tutti Frutti – der Durchbruch des Little Richard

Little Richards Leben war so schillernd wie seine Bühnenpersönlichkeit. Bevor er begann, in Bands an einer professionellen Musikerkarriere zu arbeiten, tourte er als Jugendlicher mit Vaudeville-Acts, entwickelte eine Vorliebe für Kostüme und seine mächtige Frisur.

Der Song, der ihm 1955 den Durchbruch bescherte, musste textlich entschärft werden, bevor man ihn auf die Öffentlichkeit loslassen konnte. Denn ursprünglich sang Richard, der sich abwechselnd als schwul, bisexuell und omnisexuell outete, nicht “Tutti Frutti, all rooty! Tutti Frutti, all rooty“, sondern “Tutti Frutti, good booty / If it don’t fit, don’t force it / You can grease it, make it easy”.

So oder so war das Resultat eine Wucht. Auch wenn die weichgespülte Version von Saubermann Pat Boone im Kurzsprint erfolgreicher war, blieb das energetische Original im Gedächtnis. Vor allem das „Womp-bomp-a-loom-op-a-womp-bam-boom“ wurde zum Schlachtruf mehrerer Generationen Rock ‘n’ Roll-Fans und zum schlagenden Beweis dafür, dass die besten Textpassagen in der Rockmusik ohne “Text” auskommen.

Es folgten heute legendäre Rockklassiker wie “Long Tall Sally”, “Rip it up” und “Lucille”. Schon als Studioaufnahmen Kraftpakete, entfalteten sie ihre volle Durchschlagskraft auf der Bühne – dann wenn Little Richard, den so unterschiedliche Musiker wie Bob Dylan und James Brown verehrten, auf und vor der Bühne das Publikum anpeitschte.

 

Vom Rock ‘n’ Roll Star zum Prediger und zurück

Sein religiöses Erweckungserlebnis hatte Little Richard auf einer Australientournee im Herbst 1957. Angeblich war der russische Sputnik mit dafür verantwortlich, dass der Sänger sich entschied, dem Rock ‘n’ Roll den Rücken zu kehren und sein Leben Gott zu widmen.

Richard studierte Theologie, nahm Gospelsongs auf und erklomm die Kanzel – bevor er in den 60er-Jahren zur Rockmusik zurückkehrte und seinen Sound mit einem kräftigen Schuss Soul und Funk anreicherte. Mit einer Band, in der zwischenzeitlich kein Geringerer als Jimi Hendrix spielte, absolvierte er umjubelte Tourneen in Europa und den USA.

Abseits der Bühne war es Richards eigene Mischung aus ansteckender Fröhlichkeit, Exaltiertheit und Selbstironie, die ihn in in Interviews Dinge sagen ließen wie “„Ich bin der bestaussehende Mann im Showbusiness. Ich bin nicht eingebildet, ich bin überzeugt. Ich bin der getönte Liberace! Der Pfirsich aus ­Georgia!“ Leider war der Pfirsich, wie so viele in seiner Zunft, Drogen und Alkohol nicht abgeneigt, was ihm zunehmend zu schaffen machte.

In den späten 70ern wiederholte sich das Spiel. Richard zog sich aus dem Showbusiness zurück, widmete sich dem Gospel und verkaufte Bibeln. Als er sich Mitte der 80er-Jahre abermals für den Rock ‘n’ Roll entschied, ging er aufs Rentenalter zu. Seine Bühnenpräsenz aber war ungebrochen. Nebenbei bewies Little Richard Schauspielerqualitäten, saß gut gelaunt in Talk Shows und hörte nie auf zu predigen.

Allerdings begann sich seine Gesundheit Schritt für Schritt zu verschlechtern. Schließlich war der früher so bewegungsfreudige Sänger auf Krücken und einen Rollstuhl angewiesen und erlitt 2013 einen Herzinfarkt. Kurz darauf verkündete er mit den Worten “I am done” seinen endgültigen Abschied vom Rock ‘n’ Roll Business. Am 9. Mai starb Little Richard an Knochenkrebs in seinem Haus in Tennessee. Dass es so schnell keinen zweiten wie ihn im Rock ‘n’ Roll geben wird, ist in diesem Fall mehr als eine Floskel.

 

Titelbild:

Little Richard in Concert by Robbie Drexhage CC BY-SA 4.0

 

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