Radiogeschichte(n) – Kultsender KWEM wieder on air

Mehr als ein halbes Jahrhundert sendete KWEM nicht – und das nachdem der Sender in Memphis Künstler wie Howling Wolf, B.B. King, Elvis Presley oder Johnny Cash das erste Mal einem Radiopublikum vorgestellt hatte. Vor etwas mehr als einem Jahr wurde er wieder zum Leben erweckt. Seitdem gibt es 24 Stunden jeden Tag online die Musik zu hören, die in den 40er und 50er Jahren Memphis zu einem der spannendsten Flecken auf der Welt machte.

 

Livebühne für Jedermann – Pay to play bei KWEM

Memphis war schon vor dem Zweiten Weltkrieg ein faszinierender Ort für Liebhaber moderner Musik. Vor allem am Wochenende zog die rasant wachsende Stadt Hunderte von partywilligen Männern und Frauen aus der Umgebung an, die in den Kneipen der Metropole ihr sauer verdientes Geld für Alkohol und andere Laster ausgaben. Den Soundtrack dazu lieferte der Blues. War zunächst die legendäre “Beale Street” der musikalische Mittelpunkt der Stadt, entwickelte sich in den 40ern und 50ern West Memphis zu  dem Ort, an dem sich aufstrebende Musiker ihre Sporen verdienten. Zu ihnen gehörten so klangvolle Namen wie B.B. King, Sonny Boy Williamson, James Cotton oder Elmore James, Künstler, die dem Blues eine neue Note gaben – geprägt von schneidenden elektrischen Gitarren und einem wuchtigem Schlagzeug.

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Auf der Beale Street 1939 / wikimedia.com

Radio spielte für diese Musiker- lange vor der Erfindung des Internets-  eine zentrale Rolle. Denn es eröffnete die Chance, ein größeres Publikum zu erreichen als die Nachtschwärmer, die sich in den Bars und Kneipen von Memphis versammelten. In dieser Situation kam der 1947 gegründete Radiosender KWEM gerade recht. Dort – wie beim Konkurrenten WDIA – konnte jeder Musiker auftreten, der das nötige Kleingeld dafür aufbrachte (ob selbst oder durch einen Sponsor). Die Folge war, dass sich eine für heutige Verhältnisse kaum vorstellbare Anzahl an später berühmten Musikern in den Studios von KWEM die Klinke gaben. Manch einer von ihnen trat regelmäßig auf, so zum Beispiel Blues-Legende Howling Wolf, der seine eigene tägliche Show besaß.

 

Blues, Country und Rockabilly

Eine Besonderheit an KWEM war, dass die Hautfarbe weder für das Programm noch für die öffentlichen Veranstaltungen des Senders eine Rolle spielte. Deshalb bestand das Programm keineswegs nur aus Blues. Neben Künstlern wie B.B. King traten weiße Country-Musiker auf und bald auch Vertreter des frühen Rockabilly. Zu ihnen gehörte beispielsweise Charlie Feathers, dessen Schwager als DJ bei KWEM tätig war, aber auch Johnny Cash, Scotty Moore und Elvis versuchten ihr Glück bei KWEM. Das Geld für Johnny Cashs Show bei KWEM bezahlte Cashs damaliger Arbeitgeber und Sponsor des Senders, die “Home Equipment Company”. Das bedeutete auch, dass in den Pausen zwischen den Auftritten von Cash und den Tennessee Two die Vorzüge der Vordächer und Zäune der “Home Equipment Company” beworben wurden.

Eine Veranstaltung, die der Sender wegen ihrer Beliebtheit regelmäßig übertrug war “Saturday Night Jamboree”. Unter der Ägide von Hillbilly-Fan und Radiomoderator Joe Manuel traten hier eine ganze Reihe von aufstrebenden Country und Rockabilly-Künstlern auf, die bereits deutlich machten, wo die musikalische Reise in Memphis hingehen sollte.

KWEM und Sun Records – vom Radio ins Studio

Einer der eifrigsten Hörer von KWEM war Sam Phillips. Damit entwickelte sich der Radiosender für einige Musiker zu einer Hintertür in das noch junge Sun Studio. So ging es zum Beispiel dem für seine eindringliche Bühnenshow bekannten Howling Wolf. Als Sam Philips diesen das erste Mal auf KWEM hörte, sagt er angeblich “This is for me. This is where the soul of man never dies.” Direkt anschließend nahm er mit dem Sänger dessen “Moanin`at Midnight” auf, das er an Chess Records zur Veröffentlichung weitergab.

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B.B. King 1971 in Hamburg / wikimedia.com

Auch viele andere Künstler, die Sam Phillips zu Beginn der 50er Jahre für andere Labels aufnahm, waren regelmäßige Gäste bei KWEM. Dazu gehörte Ike Turner. Dessen “Rocket 88” das offiziell unter dem Namen Jackie Brenston and his Delta Cats veröffentlicht wurde, gilt vielen als die erste Rock’n’Roll-.Platte der Musikgeschichte. Außerdem wird Phillips die Entdeckung von B.B. King zugeschrieben, ebenfalls ein gern gesehener Musiker bei KWEM.

Der Sun-Studio-Boss war nicht der einzige, der Mitte der 50er Jahre das Potenzial der neuartigen Mischung von weißem Hillbilly und schwarzem Rhythm´n Blues erkannte. KWEM-Manager Dick Stuart, der bereits erwähnte Schwager von Charlie Feathers, war eine Zeitlang als Manager von Johnny Cash und Carl Perkins tätig. Er war es auch, der bei Carl Perkins Autounfall 1955 hinter dem Steuer saß und einen vorausfahrenden Truck rammte, nachdem er eingeschlafen war.

Ende und Neuanfang von KWEM

1960 schloss KWEM seine Pforten. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten ein paar Hundert Künstler in den Studios des Senders in Memphis ihre Musik gespielt. Viele davon wurden kurz darauf zu Berühmtheiten. Dabei wurde ein Auftritt bei KWEM von keinem Musiker als Durchbruch gewertet. Vielmehr war es ein erster möglicher Schritt hin zu einer großen Karriere, hatte man die 15 oder 20 Dollar aufgebracht, um die eigene Musik in den Räumen des Senders zu präsentieren.

Über ein halbes Jahrhundert dauerte es, bis der legendäre Sender wieder seinen Betrieb aufnahm. Heute ist KWEM 24 Stunden im Internet zu hören. Verantwortlich dafür ist das Mid-South Community College, das auch das historische Erbe von KWEM verwaltet. Zu hören gibt es Blues, Soul, Rockabilly und Rock’n’Roll – nicht nur aus lange vergangenen Zeiten, aber immer mit einer Verbindung zu den Künstlern, die früher in dem Sender auftraten und oftmals nur wenig später den Rest der Welt eroberten.

 

 

 

 

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