Rockabilly Filmklassiker – Walk the Line

Gute Kritiken zu bekommen, ist für biografische Filme über Musiker besonders schwer – vor allem wenn die Protagonisten nicht schon ein paar Jahrhunderte tot sind. Bei “Walk the Line” von Regisseur James Mangold waren sich dagegen sogar leidenschaftliche Johnny-Cash-Fans einig in ihrem Lob. Wer den Film lange nicht mehr oder noch nie gesehen hat, kann sich jetzt darauf einstimmen, während er schon einmal ein paar Bier kalt stellt.

Walk the Line – ein Liebesfilm der besonderen Sorte

Peter Travers schrieb im Rolling Stone über “Walk the Line”: “The movie isn’t about the life of Johnny Cash, it’s about the love in the life of Johnny Cash.” Das Geheimnis dahinter, dass dieses Rezept auch bei kitschresistenten  Filmfreunden aufgeht, mag sein, dass man diese Liebe so gut nachvollziehen kann – sowohl  die zur Musik als auch die zu June Carter.

Dabei ist das Rezept hinter “Walk the Line” durchaus angreifbar. Denn Mangold konzentriert sich vollkommen auf das frühe Leben von Johnny Cash und hier besonders auf die Zeit zwischen Cashs “Entdeckung” durch Sam Phillips und das legendäre Konzert in Folsom Prison 1968. Im Mittelpunkt dabei steht Cashs Beziehung zu seiner späteren Frau und Countrysängerin June Carter, verkörpert von Reese Witherspoon. Die zweite Hälfte im Leben des “Man in Black” kommt nicht zur Sprache, weder dessen regelmäßiger Rückfall in die Drogenabhängigkeit, noch seine – gerade für Europäer nicht leicht nachzuvollziehenden – politischen und religiösen Ansichten oder sein triumphales Comeback und sein anschließender Tod.

Wer ein möglichst umfassendes Bild der faszinierenden Person von Johnny Cash erhalten möchte, wird von “Walk the Line” also vielleicht enttäuscht sein – oder auch nicht. Denn die Art und Weise wie Joaquin Phoenix als Cash und Witherspoon als June Carter zu Höchstform auflaufen, macht soviel Spaß, dass das Enttäuschtsein schwerfällt.

Ein langer Weg und kuriose Entscheidungen

Eigentlich sollte man meinen, Filmstudios würden sich einen erbitterten Wettstreit um die Chance liefern, einen Film über den “Man in Black” zu veröffentlichen. Wie so oft sah die Realität anders aus.

Schon Mitte der 90er hatten Johnny Cash und Produzent James Keach mit den Vorbereitungen für einen Film begonnen, doch die Filmindustrie zeigte sich daran wenig interessiert. Auch das Script, das Regisseur James Mangold und seine Frau Ende des Jahrzehnts ausarbeiteten, wurde mehrfach abgelehnt, bevor sich schließlich Fox 2000 bereit erklärte, den Film zu machen.

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Regisseur James Mangold

Dass die Wahl für den Hauptdarsteller auf Joaquin Phonenix fiel, überraschte diesen genauso wie so manch einen anderen. Denn Phoenix war zwar als begnadeter Schauspieler bekannt, hatte aber mit dem Musikmachen bisher nichts am Hut gehabt. Außerdem besaß er eine ganz andere Statur als der deutlich größere Cash. Der Countrysänger selbst war mit der Wahl des Darstellers allein deshalb einverstanden, weil er dessen Rolle in dem Film “Gladiator” liebte. Das erzählte er Phonenix schon, als sich beide zum Abendessen im Haus der Musiklegende trafen, Monate bevor der Schauspieler für die Rolle des Man in Black in Betracht gezogen wurde.

Wer singt in “Walk the Line”?

Wer den Film bereits gesehen hat, kennt die Antwort wahrscheinlich, wer sich noch nie damit beschäftigt hat, ist vielleicht so überrascht wie die meisten Cash-Fans beim Abspann von “Walk the Line”. Tatsächlich singen Phoenix und Witherspoon selbst – und das so gut, dass der eingefleischte Cash-Liebhaber und Starkritiker Roger Ebert bekannte: “I closed my eyes to focus on the soundtrack and decided that, yes, that was the voice of Johnny Cash I was listening to.” Was Witherspoon angeht, ging manch ein Zuschauer sogar soweit, die Kopie besser als das Original zu finden, was aber vielleicht auch an der optischen Ausstrahlung der Schauspielerin lag.

Beide Schauspieler, Phoenix und Witherspoon waren übrigens so nervös hinsichtlich ihrer musikalischen Darbietung in “Walk the Line”, dass sie sich bei den Gesangsstunden vor den Dreharbeiten ständig in die Haare bekamen – bevor sie ein Herz und eine Seele wurden. Insgesamt ist “Walk the Line” glücklicherweise bei aller Romantik ein Musikfilm für Musiklieber geworden. Denn während es andere bei dokumentarischen Einsprengseln und sekundenlagen Konzertmitschnitten belassen, geben Mangold und Co Rockabilly und Country Fans eine ganze Menge gute Musik auf die Ohren – nicht nur von Cash und Carter, auch von Charlie Feathers, Wanda Jackson und Bob Dylan.

Nicht alle waren begeistert

Bei allem Lob gab es auch Kritik an “Walk the Line”, und die kam von hoher Stelle. Rosanne Cash empfand die “Hollywood-Version ihrer Kindheit” als “schmerzvoll”, auch wenn sie den Versuch dazu als “ehrenwert” bezeichnete. Andere Kritiker bemängelten, dass der Film zu sehr in typische Formeln abgleite. Ob Jerry Lee Lewis von der Verkörperung seiner Person in “Walk the Line” begeistert ist, sei dahingestellt.

Was Witherspoon anging, waren sich Kritiker und Preisrichter einig. Mit ihrer Rolle als June Carter räumte die Schauspielerin einen Oscar als beste Darstellerin ab und wurde auch bei anderen Filmverleihungen mit Preisen überschüttet. Gesangsunterricht lohnt sich eben doch.

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