Rockabilly-Filme – eine Auswahl

Rock´n´Roll und Rockabilly sind viel mehr als Musik. Allein die Geburt eines Sounds, der die Welt wenn nicht zum Beben dann zumindest zum Tanzen bringen sollte, hat eine kaum überschaubare Fülle an bemerkenswerten Personen und Geschichten hervorgebracht. Umso erstaunlicher ist es, wie wenig davon den Weg auf die Leinwand gefunden hat. Wer auf der Suche nach guten Filmen zur Anfangszeit von Rockmusik und Rockabilly ist, muss sich mit einigen wenigen Perlen zufrieden geben.

50er-Jahre-Filme – aller Anfang ist schwer

Filme waren ein beliebtes Mittel in den 50er Jahren, um Popstars bekannt zu machen. Sie waren es auch, die Rock´n´Roll zum ersten Mal einem größeren deutschen Publikum nahe brachten. Genauer gesagt handelte es sich dabei um zwei Filme, die beide vor allem durch einen Song berühmt wurden.

Auf Dauer sollte der mittelalterliche und eher spröde Bill Haley keine Chance gegen den Sex-Appeal von Elvis Presley haben. Sein Titel “Rock around the Clock” sorgte aber in den 50ern zum ersten Mal dafür, dass Jugendliche in Westdeutschland in den Kinosälen tanzten, anschließend in Massen durch die Straßen zogen und sich mit der Polizei in die Haare gerieten. “Die Saat Der Gewalt” hieß der deutsche Titel des Streifens, dessen Anfang und Ende von “Rock around the Clock” begleitet wurde. Er handelt ausgerechnet von einem Lehrer und dessen Auseinandersetzungen mit rebellischen Schülern. Die Tumulte im Film gerieten allerdings bald ins Hintertreffen gegenüber denen, die sich vor der Leinwand abspielten.

Nun hatten auch die Filmemacher Lunte gerochen. Die Saat der Gewalt, im Original “Blackboard Jungle”, wurde gefolgt vom ersten wirklichen Rock´n´Roll-Film der Geschichte. Der hieß im Original einfach “Rock around the Clock”, auf Deutsch “Außer Rand und Band” – das Erfolgsrezept war jetzt eindeutig die Musik. Neben Bill Haley und seinen gern unterschätzten Comets treten Freddie and the Bellboys sowie der legendäre Rock´n´Roll-DJ Alan Freed auf. Allein deshalb ist der Film einen Blick wert. Davon abgesehen nimmt “Außer Rand und Band” leider eines vorweg, was so ziemlich alle Musikfilme der 50er-Jahre eint: Story und schauspielerische Leistungen sind eher dürftig.

Das gilt auch für die vielen Filme mit “Elvis the Pelvis”. Wer sich aus nostalgischen Gründen den Rockabilly-Pionier auf dem Bildschirm ansehen will, sollte zu “Jailhouse Rock” greifen – dem wahrscheinlich einzigen wirklichen “Rock-Film” von Elvis. Der zeigt den King nicht nur beim Tanzen in Sträflingskluft. Er bringt ein wenig von dem rebellischen Rockabilly-Pionier Elvis Presley auf die Leinwand, der in späteren Streifen nur noch zu erahnen ist.

Filmbiografien über Rockabilly-Stars

Erst in den letzten Jahren sorgte “Walk the Line” mit Joaquin Phoenix und Reese Witherspoon dafür, dass Johnny Cash die zweifelhafte posthume Ehre zuteil wurde, in Großraumdiskos nach Lady Gaga gespielt zu werden. Die Meinungen von Kritikern und Zuschauern über den Streifen gingen auseinander, die Tochter der Countrylegende zeigte sich wenig begeistert. Einig waren sich die meisten nur darin, dass Phoenix und Witherspoon gesanglich und musikalisch eine Topleistung ablieferten. In jedem Fall zeigen die Konzertszenen, wie stark Cash anfangs vom Rockabilly beeinflusst war und welche Energie der Man in Black in jungen Jahren auf die Bühne brachte.

Ein wenig in Vergessenheit geraten ist dagegen “Great Balls of Fire”. Für eingefleischte Fans des Killers hat dieser Streifen aus dem Jahr 1989 wahrscheinlich wenig Neues zu bieten. Dafür brilliert der noch einigermaßen junge Dennis Quaid als manischer und leicht größenwahnsinniger Jerry Lee Lewis. Dazu gibt es eine Menge guter Musik und 50er-Jahre-Flair inklusive Petticoats und Cadillacs. Beeindruckend spielt auch Jonathan Rhys Meyer im Fernsehfilm “Elvis”. Ganz ohne Kitsch kommt wohl kein Film über Elvis Presley aus, hier hält sich das Ganze aber in Grenzen.

Rockabilly-Dokumentationen – echte Schätze

Echte filmische  Schätze für Rockabilly-Fans sind rar, aber es gibt sie. Die Dokumentation “Good Rockin´Tonight: The Legacy of Sun Records” gehört dazu. Sie vereint eine Fülle an Archivmaterial und Interviews mit den Protagonisten der ersten Blüte des Rockabilly in Mempfhis – vom Gründer des Sun Studios Sam Phillips über Scotty Moore bis hin zu Johnny Hallyday. Als Extra gibt es unter anderem eine kuriose Session von Jerry Lee Lewis mit Matchbox Twenty. Wer sich für das sagenumwobene Sun Studio in Memphis und dessen Geschichte interessiert, sollte diesen Leckerbissen nicht verpassen.

Auch für die Johnny-Cash-Fans, denen “Walk the Line” zu sehr Hollywood ist, gibt es eine Alternative. “Johnny Cash at Folsom Prison” leidet gar nicht darunter, dass es vom legendären Gefängniskonzert der Countrylegende keine Filmaufnahmen gibt. Die Kombination aus Schwarz-Weiß-Fotos und Interviews – unter anderem mit dem damals inhaftierten Merle Haggard – sorgen für eine ganz eigene Atmosphäre. Mit dieser Realität kann Hollywood nur schwer konkurrieren.

Ein echter Geheimtipp stammt aus den an Schätzen reichen Archiven der BBC. “The Rock and Roll Singer” von 1969 begleitet Gene Vincent in den ersten Tagen einer kleinen UK-Tour, Jahre nachdem der Sänger seinen Höhepunkt überschritten hatte. Angesichts der Absteigen, in denen der schon etwas schwergewichtige einstige Superstar hier die Nächte verbringen muss, und den schäbigen kleinen Dance Halls könnte es einem Angst und Bange werden um die Zukunft des Rockabilly. Tatsächlich starb Vincent knapp zwei Jahre später – nicht lange bevor das britische Rockabilly-Revival startete, mit dem einen oder anderen Titel von Gene Vincent im Repertoire.

Text: Johannes Jooß

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