Das Ford Model T – mehr als ein Auto

Es gibt Autos, die sind viel mehr als ein Fortbewegungsmittel auf vier Rädern. Dass das Ford Model T in diese Riege gehört, würden wohl nicht nur Hotrod und Custom Car Fans behaupten. Mit der Tin Lizzy (Blechliesel), wie das erste in Massenanfertigung am Fließband produzierte Automobil auch bezeichnet wurde, wurde das Auto vom teuren Statusobjekt zum fahrbaren Untersatz für jedermann.

Die Entstehung des Ford Model T – ein unzerstörbares Auto für jedermann

Das Model T war nicht das erste Auto, das der leidenschaftliche Ingenieur, Bastler und Wirtschaftspionier Henry Ford produzierte. Bereits 2003, im Gründungsjahr der Ford Motor Company, verließ das Model A den Fertigungsstandort der Firma in Detroit. In den nächsten Jahren folgten weitere Prototypen, von denen es einige allerdings gar nicht in die Produktion schafften. Seinem eigentlichen Ziel war Ford mit ihnen noch nicht näher gekommen.

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Henry Ford wikimedia.org

Der ehrgeizige Firmeninhaber, der schon mit 15 seinen ersten Verbrennungsmotor gebaut hatte, wollte ein Auto schaffen, das sich einfach jeder leisten konnte, auch Farmerfamilien wie die, aus der er selbst stammte. Anfang des 20. Jahrhunderts war das ein revolutionärer Gedanke. Die wenigen Automobile, die zu dieser Zeit auf den Straßen anzutreffen waren, waren kostspielige Luxusgüter. Nur Reiche konnten sich so ein lärmintensives und kompliziertes Fahrzeug leisten. Notwendig war neben Geld ein Chauffeur, der es fertigbrachte, die eigenwilligen Benzinkutschen vom Fleck zu bewegen und die ständig anfallenden Reparaturen auszuführen. In der Regel hatten weder die Verkäufer noch die Besitzer  auch nur die leiseste Ahnung von dem Innenleben eines Automobils.

Vier Jahre für das einfachste Auto der Welt

Einer der wichtigsten Entscheidungen in der Konstruktion des Model T traf der immer neugierige Henry Ford, als er ein Autorennen in Florida besuchte und das Wrack eines französischen Rennwagens genauer unter die Lupe nahm. Dabei fiel ihm auf, dass dieses aus einem besonders leichten Stahl bestand, der in Amerika vollkommen unbekannt war. Tatsächlich gab es zu diesem Zeitpunkt niemanden in den USA, der Vanadium-Stahl herstellte.

Für einen anderen Autohersteller wäre das wahrscheinlich Grund genug gewesen, den Gedanken an das exklusive Material zu den Akten zu legen. Nicht so für Ford. Dieser entschied sich stattdessen dafür, ein eigenes Stahlwerk zu bauen. Langfristig sollte sich diese Entscheidung auszahlen, denn der Stahl, der sonst nur bei französischen Luxuswagen zu finden war, erwies sich über die Jahre als beinahe unverwüstlich. Er ist mit ein Grund dafür, dass es manch ein Model T bis in die Gegenwart geschafft hat, zumindest der Rahmen.

Davon abgesehen war das Ford Model T, als es schließlich nach vier Jahren Konstruktion 1908 in die Herstellung ging, vor allem eines: einfach. Dadurch sollte erreicht werden, dass nicht nur jeder einen solchen Ford fahren konnte, sondern ihn auch jeder reparieren konnte. Alles was man dazu brauchte, waren einfaches Werkzeug und eventuell ein paar Ersatzteile aus Eisenwarenläden.

Das Ford Model T wird zum amerikanischen Auto schlechthin

Für zeitgenössische Verhältnisse schlug das Model T ein wie eine Bombe. 1920 verkaufte Ford 1 Million Exemplare von dem Modell, für damalige Zeiten eine unvorstellbare Zahl. Verantwortlich dafür war nicht nur, dass jeder mit dem Auto umgehen konnte (vorausgesetzt, er hatte eine zweite Person an Bord, die ihm beim Anlassen half). Es war auch für den Otto-Normal-Verdiener erschwinglich. Und das beste daran: Das Model T wurde nicht teurer, sondern billiger.  Mit der Umstellung der Produktion auf Fließbandfertigung 2013 und der ständigen Optimierung der Arbeitsabläufe sank der Preis des ersten Volkswagens der Geschichte von 790 Dollar (1911) auf 490 Dollar (1914) und schließlich bis unter 300 Dollar.

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Fließbandarbeit am Model T wikimedia.org

Käufer mussten sich allerdings ab 1913 mit der schwarzen Farbe abfinden. Für die hatte sich der Ökonom Ford aus Kostengründen entschieden. Aus Fords Autobiographie stammt der gern zitierte Satz “Any customer can have a car painted any colour he wants so long as it is black.”

Die verschiedenen Varianten des Model T

Im Inneren des Ford Model T arbeitete ein Vier-Zylinder-Reihenmotor, der Zylinderkopf ließ sich für Reparaturen einfach abnehmen. Die beiden Vorwärtsgänge und der Rückwärtsgang wurden über Pedale betätigt. Mit dieser eigenwilligen Konstruktion kam das Model T immerhin auf eine Höchstgeschwindigkeit von etwas weniger als 70 km/h bei 20 PS (wer schlau war, versuchte allerdings gar nicht erst, die Grenzen eines Model T auszutesten). Dabei war das Fahrzeug in  verschiedenen Varianten erhältlich, alle in Schwarz, versteht sich, darunter eine mit 7 Sitzen.

Später gab es auch Ausführungen des Model T mit elektrischem Anlasser. Davon abgesehen veränderte sich hauptsächlich die Karosserie – von Kutsche hin zu Auto. Aus heutiger Sicht präsentieren sich die letzten Varianten des Ford Model T wohl am elegantesten.

Das Model T – ein echter Allrounder

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Beim Fischen mit dem Model T wikimedia.org

Aus der Rückschau ist die Geschichte des Ford Model T eine beeindruckende Erfolgsgeschichte. Mit dem schlichten Gefährt wurde das Auto zum Alltagsgefährt für jedermann. Insgesamt verkaufte Ford bis zum Ende der Produktion 1927 15 Millionen Exemplare davon, auch im europäischen Ausland. Darüber hinaus wurden nicht nur das Auto selbst, sondern vor allem seine Fließbandfertigung und der bis ins kleinste Detail durchgeplante Arbeitsmechanismus zu Vorbildern für viele nachfolgende Automobilproduktionen. Während sich der Erfinder des Wagens spätestens mit seinem Buch “Der internationale Jude” als glühender Antisemit entpuppte, den Heinrich Himmler als Inspiration ansah, war das Model T ein echter Segen für viele amerikanischen Farmer, die jetzt für Pferdestärken nicht mehr auf Pferde zurückgreifen mussten.

Von besonderem Vorteil war, dass das Fahrzeug in beinahe jedem Gelände funktionierte und sich einfach zum Traktor umbauen ließ. Dafür gab es im Handel eigene Conversion Kits, die sich als echte Preisschlager erwiesen. Überhaupt ließ sich mit einem Model T fast alles anstellen – vom Schneemobil über Motorboote bis hin zur mobilen Kirche mit integrierter Orgel reichte die Palette an Umbauten, die das amerikanische Hinterland tiefgreifend veränderten. Fischen ließ sich damit auch.

Eine Blechschüssel mit Kultcharakter

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Das Model T war vor allem praktisch wikimedia.org

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Zu neuem Leben erweckt – ein Ford T-Bucket wikimedia.org

Außerdem sieht es einfach toll aus, so ein Ford Model T, oder? Als Oldtimer oder Hotrodvorlage zweifellos ja. Ein Vergnügen waren Fahrten mit dem ersten Volkswagen der Geschichte nicht. Nicht nur war das Anlassen bei den frühen Modellen eine Prozedur, die zwei Personen voll beschäftigte und für einen allein zur Geschicklichkeits- und Mutprobe ausartete. Außerdem war es mit der Federung bei einem Ford Model T nicht weit her. Deshalb arteten höhere Geschwindigkeiten zu einer Tortur für alle Insassen des Wagens aus, abgesehen davon, dass  das ständige Rasseln des Autos dann fast unerträglich wurde . Dazu kam, das der Rückwärtsgang mehr Power aufwies als die beiden Vorwärtsgänge und auch am längsten überlebte. So kam man mit einem Ford T oft nur rückwärts einen steilen Hang hinauf. Immerhin konnte man einschlägigen Berichten nach den Rückwärtsgang als Bremse verwenden, falls diese – wie alles andere irgendwann bei einem Model T –  den Geist aufgegeben hatte.

Da ist es kein Wunder, dass das Ford Model T ein beliebtes Thema für Witze war – “Why is a ford model t like a bathtub? you know you nee one, but really don`t want to be seen in it.” Immerhin erwies sich das Model T als ein Dauerbrenner, das auch nach dem Produktionsstop nicht von den Straßen verschwand. Schon in den 30er Jahren begannen Hotrodder damit, der Karosserie der Tin Lizzy neues Leben einzuhauchen und sie zu einer echten Schönheit zu machen – vielleicht zum ersten Mal in ihrer Geschichte.

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