Lindy Hop – rockin’ like grandma

"Swing Dance" von loulcrusoe / CC BY-SA 2.0

Wer heute Rock’n’Roll Bars besucht, deren musikalische Bandbreite sich nicht ausschließlich auf kontrabassgeschwängerten Rockabilly, puren Rock oder abgedrehten Psychobilly beschränkt, wird beim Anblick der tänzerischen Darbietungen schon mal stutzig. Swinging beats, Vintage-Styling und Pomade – Rock’n’Roll! Oder? Nicht zwangsläufig.

Als sich in den 50er Jahren der Rock n‘ Roll aus dem Boogie Woogie ableitete, war der Ursprung beider Tanzstile, der Lindy Hop, schon etwa 30 Jahre alt. Heute, fast ein Jahrhundert später, erlebt er ein Comeback – Zeit, diesen Tanz mal genauer unter die Lupe zu nehmen und euch mit ein paar Basisinformationen zu füttern.

Mit der Weiterentwicklung des Jazz zum Swing in den späteren 20er Jahren, entstand praktischerweise die passende tänzerische Bewegung dazu. In New Yorker Ballrooms, mit Hauptaugenmerk auf dem Savoy in Harlem, wurden die Wurzeln aus Charleston, Stepp, Jazz, Break Away und traditioneller, afrikanischer Tänze zu einem Paar-­ und Gesellschaftstanz verbunden, der heute als ursprünglicher Swing-­Tanz verstanden wird.

Worum geht es beim Lindy Hop? Grundsätzlich um Tanz, Harmonie und Spaß. Klingt nicht wirklich anders als bei allen anderen Tänzen, aber ist es irgendwie doch. Während sich Standardtänze in erster Linie durch festgelegte Schritten und Figuren charakterisieren lassen, wird beim Swing sehr viel improvisiert. Was nicht heißt, dass es keinen Grundschritt oder spezielle Figuren beim Swing gibt, aber hier wird doch sehr viel mehr ausprobiert, als es im Goldkurs der hiesigen Tanzschule zulässig ist. Das Swing-Tanzpaar besteht aus einem Leader und einem Follower, allerdings lernen beide in der Regel beides, so dass ein Wechsel jederzeit möglich ist und daher nicht zwingend die Frau vom Herrn über das Parkett geschoben wird. Darüber hinaus wird sich auch nicht ständig an seinem Partner festgehalten, sondern nach ein paar Tänzchen gewechselt, was eine gewisse Aufgeschlossenheit gegenüber dem Anfassen fremder, durchaus verschwitzter Hände erfordert.

Lindy Hop ist ein ausladender, raumgreifender Tanz, alles ist in Bewegung. Hat sich ein Könner-Pärchen richtig in Rage getanzt, kann man schon mal ein bisschen Platz machen und sich vom bloßen Hinsehen mitreißen lassen. Und Lindy Hop ist schnell. Zumindest irgendwann. Das ungeübte Auge kann bei Profis kaum den Schritten folgen – aber sehr viel staunen. Elegant, aber nicht steif; synchron, aber nicht angestrengt choreografiert; gelegentlich artistisch, aber niemals sportlich. Unterhaltsam, aber nicht albern. Und blasenfrei: Frauen tanzen meistens mit flachen Schuhen, was, sofern man die konditionellen Voraussetzungen mitbringt, für ein vergleichsweise langes Vergnügen sorgt. Kondition ist das Stichwort: Natürlich muss man kein Marathonläufer sein, um ein paar Stunden tanzen zu können, aber man sollte auch in ruhigen Anfänger-Workshops besser mit Handtuch und Ersatz-T-Shirt ausgestattet sein.

Die typische Musik, zu der Lindy Hop getanzt wird, lässt das Ballroom-Feeling sofort wieder wach werden: Ella Fitzgerald, Glenn Miller, Louis Armstrong. Wer eine authentische, musikalische Begleitung wählt und keinen Elektroswing möchte, hat schon alleine mit den Klassikern aus Jazz und Swing eine riesige Auswahl.

In Deutschland hat sich mittlerweile eine eigene Lindy Hop-Szene etabliert, in fast jeder Großstadt werden Kurse für alle Levels angeboten. Aus eigener Erfahrung können wir euch übrigens versichern, dass die Menschen, die man beim Lindy Hop trifft, tiefenentspannte und supernette Leute sind. Kein Vergleich mit verkrampften Standard-Tanzkursen, bei denen vor großen Spiegelwänden jede Bewegung streng beäugt wird. Vielerorts finden Anfängerkurse teilweise in Bars statt. 1-2 Stunden bevor es los geht geht, trifft man sich auf ein Stündchen Tanzschule mit anderen Newbies oder Fortgeschrittenen, die gerne unterstützend den Arm reichen.

Ist ja alles schön und gut, aber was ist mit Kräftemessen? Auf Lindy-Fests und ‐Exchanges treffen Tänzer aus verschiedenen Städten zusammen um sich auszutauschen, voneinander zu lernen und gemeinsam zu tanzen. Oder um gegeneinander anzutreten, wobei die Wettkampfzene beim Lindy Hop im Allgemeinen nicht ganz so ausgeprägt ist, wie bei Turniertänzen. Insbesondere in Deutschland nicht. Ein letztes Video mit Profis gefällig? Wer danach immer noch nicht will, sollte es vielleicht doch besser mit Wiener Walzer versuchen.

Titelbild: “Swing Dance” von loulcrusoe / CC BY-SA 2.0

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