Peter Kraus – “Münchens Rock’n’Roll Idol”

Wer A sagt, muss auch B sagen, heißt es. Genauso kann man schlecht Ted Herold als frühen deutschen Rock`n`Roller würdigen und Peter Kraus ignorieren – auch wenn Letzterer für manch einen gar nicht so viel mit “echtem Rock’n’Roll” zu tun hat. Schon in den 50er Jahren brachte der schlaksige Sänger und Schauspieler einfach alle gegen sich auf – mit Ausnahme der vielen, meist jugendlichen, Käufer seiner Platten natürlich: Fans von amerikanischem Rock’n’Roll war er zu brav, besorgten Eltern zu ordinär und Kulturkritikern zu flach. Seit Herbst letzten Jahres ist der mittlerweile 75jährige auf Abschlusstour – mit Rock’n’Roll im Gepäck wie ganz am Anfang.

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Keine typische Rock’n’Roll-Kindheit

Die Kindheit des Peter Kraus, der 1939 als Siegfried Peter Krausenecker in München geboren wurde, verläuft zweifellos anders, als man sich das gemeinhin von einem Rock’n’Roll-Star vorstellt. Während das musikalische Talent und der Ehrgeiz von Elvis Presley oder Jerry Lee Lewis letztendlich auch einen Weg eröffnen, aus ärmlichen Verhältnissen auszubrechen, ist der Sohn eines österreichischen Produzenten, Sängers und Regisseur von Beginn an gut versorgt. Das gilt auch für seine künstlerische Ausbildung. Schon als Kind nimmt Peter Gesangs-, Schauspiel- und Stepptanzunterricht. Das zahlt sich aus. Mit gerade einmal 14 steht der Jugendliche in der Verfilmung von Erich Kästners “Das fliegende Klassenzimmer” vor der Kamera.

Wenig später entdeckt Peter Kraus die Gitarre, Bill Haley und den Rock’n’Roll und hat einen neuen Berufswunsch. Wie alles andere geht der Teenager, der angeblich Tag und Nacht den amerikanischen Soldatensender AFN hört, auch das mit vollem Einsatz an, eine Angewohnheit, die er wiederum mit vielen seiner amerikanischer Vorbilder gemein hat. Auch ein Pionier ist Kraus gewissermaßen. Denn obwohl er nichts anderes macht, als so gut wie möglich amerikanischen Rock’n’Roll zu imitieren, ist er damit in Deutschland zunächst ziemlich allein. Abgesehen von Urgestein Paul Würges und den indonesischen Gitarrenbands, die durch deutsche und holländische Kneipen tingeln, macht in der Bundesrepublik Mitte der 50er Jahre kaum jemand heiße Musik.

Tutti Frutti, Sugar Baby – Peter Kraus als “Rock’n’Roll”-Idol

Entdeckt wird Kraus 1956 bei einem Auftritt im Kongresssaal des Deutschen Museums München. Seine Versionen von “Blue Suede Shoes”, “Heartbreak Hotel” und “Rock a beatin’ boogie” veranlassen die Abendzeitung, den Veranstalter des Abends dazu, in der Ausgabe des nächsten Tages Peter Kraus als “Münchens Rock-‘n’-Roll-Idol” zu titulieren.

Wichtiger noch für Kraus ist, dass der Schallplattenproduzent Gerhard Mendelsohn das Ganze ähnlich sieht wie die Abendzeitung und den Sänger sofort unter Vertrag nimmt. Mendelsohn hatte ein paar Jahre zuvor Peter Alexander entdeckt und auch diesmal lässt ihn sein Riecher nicht im Stich. Schon die erste Single seines neuen Schützlings, eine deutschsprachige Version von Little Richards “Tutti Frutti” kommt gut an, mit Titeln wie “Susi Rock”, “Wenn Teenager träumen” und “Hula Rock” folgen Chartplatzierungen.

Kraus geht auf Tour und darf sich an seinem Image als Mädchenstar erfreuen. Kreischende Teenager versammeln sich vor der Bühne, wenn der schlaksige Nachwuchsstar vor das Mikrofon tritt und die eine oder andere Zuhörerin fällt sogar in Ohnmacht. Das passt natürlich hervorragend zu dem Rock’n’Roll-Image, das Kraus und Mendelsohn zunächst für sich beanspruchen.

Der Songauswahl liegt ein einfaches Rezept zugrunde, das in den 50er Jahren Standard ist. Kraus singt amerikanische Originale auf Deutsch. So ist zum Beispiel “Susi-Rock” ein Cover von Gene Vincents “Bluejean Bop”. Dass die deutschen Textfassungen alles möglicherweise Anrüchige der Originaltexte unter den Tisch fallen lassen, versteht sich von selbst und ist jenseits der Entscheidungsgewalt des Interpreten. Überhaupt sind Sängerinnen und Sänger in den 50er Jahren mehr noch als heute auf eine Rolle als ausführendes Organ beschränkt.

Wenn die Conni mit dem Peter – Peter Kraus als Teenager-Idol

Dass Peter Kraus am liebsten nur “fetzigen Rock’n’Roll” gesungen hätte, wie er heute bei der einen oder anderen Gelegenheit betont, darf man ihm wahrscheinlich ruhig glauben. Die Ausgangssituation dafür ist allerdings in der Bundesrepublik der 50er Jahre denkbar schlecht. Nicht nur will die deutsche Musikindustrie allenfalls Rock’n’Roll light, um kaufkräftigen Teenagern eine hausgemachte Alternative zu amerikanischen Importen anzubieten.

Auch fehlen weitgehend die Musiker für einen lockeren Rockabilly Swing. Mit dem Hugo Strasser Orchester klappt das nur bedingt. Schließlich haftet Peter Kraus von Beginn an das Image des netten Schwiegersohns an. Strahlt der Hüftschwung von Elvis Presley eine Erotik aus, die ihn in den USA zum Schrecken vieler Eltern macht, erinnern die Bewegungen von Peter Kraus eher an brav einstudierte Bühnenakrobatik. Finstere oder melancholische Blicke sind ebenfalls keine Spezialität der Münchner Frohnatur.

Dasselbe gilt für Cornelia alias “Conny” Froboess. Der einstige Kinderstar (“Pack die Badehose ein”) wird als weibliches Pendant zu Peter Kraus vermarktet. Beide erscheinen in deutschen Kinohits wie “Conny und Peter machen Musik” und werden vor der Bravo als Idealbilder des “Teenagers” vermarktet. Beide schwenken zu Beginn der 60er Jahre auf die “sanfte Welle” um, als dem Rock’n’Roll zwischenzeitlich die Puste ausgeht.

Ende der 50er Jahre erlebt der Rock’n’Roll auch in den USA eine Flaute (unter anderem durch Jerry Lee Lewis Karrierepause, Buddy Hollys Tod und die Einziehung von Elvis Presley zur Armee). Damit wendet sich die Musikindustrie in der Bundesrepublik dankbar wieder sanften Klängen zu und es ändert sich auch das Repertoire des Peter Kraus. Von jetzt an ist Romantik angesagt, unter anderem mit dem überaus erfolgreichen Walzer “Schwarze Rose, Rosemarie”. Rock’n’Roll-Fans und Kritiker schimpfen. Dabei macht es Kraus, der 1960 unter anderem eine in England recht erfolgreiche Jazzplatte herausbringt, nichts anderes als als die wenigen anderen deutschen Rocker, und das mit Erfolg. Bis die Beatles und die Rolling Stones die Welt auf den Kopf stellen, bleibt der Sänger konstant erfolgreich – auch wenn die ambitionierte Jugendzeitschrift “Twen” 1962 fragt: “Wer mag eigentlich den Peter Kraus”?

Zwischendurch vieles andere – heute wieder Rock’n’Roll

Obwohl er zunächst mit der Musik keinen Fuß mehr auf den Boden bekommt, bleibt Kraus auch in den nächsten Jahren fleißig, als Schauspieler im Film und im Theater, als Entertainer, Drehbuchautor und inzwischen auch wieder als Rock’n’Roll-Sänger.Auf der äußerst erfolgreichen CD “Zeitensprung” nimmt er sich Popsongs von Culcha Candela bis Fettes Brot vor und verpasst ihnen ein locker swingendes 50s-Gerüst. Ob das als Rockabilly oder Rock’n’Roll durchgeht und ein Duett mit Helene Fischer wirklich sein muss, muss jeder für sich selbst entscheiden – einen gewissen Spaßfaktor kann man dem neuen Streich des immer noch unverschämt rüstigen Peter Kraus kaum absprechen.

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