Stilyagi und “Rock on Bones” – eine russische Geschichte

Stilyagi, nie gehört? Das geht vielen so. Wer an Rock’n’Roll und Jugendkulturen in den 50er Jahren denkt, landet meist bei den Teddy Boys in England oder ihren deutschen Gesinnungsgenossen, den Halbstarken. Vielleicht wandern die Gedanken bei dem einen oder anderen sogar bis nach Frankreich zu den Blousons Noirs. Die weiten Gebiete hinter dem eisernen Vorhang stellt man sich dagegen automatisch als eine “Rock’n’Roll-Wüste” vor, dominiert von sozialistischen Weisen und nationaler Folklore. Ganz falsch ist das nicht, aber ganz richtig auch nicht. Auch in Russland fanden Elvis Presley und Co. begeisterte Fans. Und was für welche…

Die Geburt der russischen Teddy Boys

Als Bill Haleys “Rock Around The Clock” Mitte der 50er Jahre Teenager in England und Deutschland von den Stühlen riß, gab es auch russische Jugendliche, die nicht sitzen blieben. Mit den sogenannten”Stilyagi”  hatte sich schon vorher mitten im stalinistischen Russland eine Jugendkultur gebildet, die sich vor allem durch ihre Begeisterung für amerikanische Mode und Musik auszeichnete.

Zunächst hörten die Stilyagi vor allem Jazz, in der zweiten Hälfte der 50er Jahre aber entdeckten sie auch Rockabilly und Rock’n’Roll für sich. Ihre Begeisterung für alles Amerikanische ging so weit, dass sie sich mit Vornamen wie “Peter” oder “Bob”  anredeten und die als Treffpunkt beliebte Gorkistraße in Moskau als “Broadway” bezeichneten. Vor allem aber sahen viele von ihnen englischen Teddyboys verblüffend ähnlich. Auch die jungen Rebellen in Moskau trugen Schuhe mit dicken Kreppsohlen und Röhrenhosen und auch sie fielen in ihrer Umgebung auf wie die sprichwörtlichen bunten Hunde.

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Aus den Dreharbeiten des Films “Stilyagi” (wikimedia.org)

Mit ihrem Aussehen und ihrer Haltung, die allen offiziell verbreiteten Vorstellungen von einer sozialistischen Jugend widersprachen, wurden die Stilyagi teilweise zu Gejagten in den Straßen ihrer Heimat. Sie mussten zu jeder Zeit damit rechnen, als arbeitsscheue Gestalten vor einem Gericht zu landen oder auf Mobs von aufgebrachten Bürgern zu stoßen, die ihnen gewaltsam Haare und Hosen kürzten. Besondere Strafen erwarteten diejenigen, die amerikanische Musik verbreiteten.

Röntgenbilder statt Vinyl – “Rock on Bones”

War die Versorgung mit Rock’n’Roll-Scheiben in den 50er Jahren schon in der Bundesrepublik eher spärlich, so traf dies auf Russland erst recht zu. Nur wenige Platten von Haley, Elvis und Co. schafften es durch den eisernen Vorhang und auf Rockmusik im Radio konnten allenfalls die hoffen, die nahe der Grenze wohnten. Doch die Stilyagi fanden einen Weg, aus wenig mehr zu machen.

Vinyl hatte Seltenheitswert in Russland, also musste eine Alternative her, wollte man Tonträger reproduzieren. Die Lösung war schnell gefunden: Ausgediente Röntgenbilder nämlich ließen sich in rauen Mengen vor Krankenhäusern aus dem Abfall fischen und mit einer Schere zurechtschneiden. Das Loch in der Mitte brannten die jugendlichen Musikfans mit einer Zigarette in den “Tonträger”. Der 2008 erschienene Film Stilyagi zeigt diese Prozedur gleich zu Beginn.

Dass die Qualität dieser X-Ray-Platten eher dürftig waren, kann man sich vorstellen. Dafür waren sie nicht teuer und zeitweise leicht erhältlich. In der zweiten Hälfte der 50er Jahre bildeten sich ganze Netzwerke zum Vertrieb der begehrten Tonträger. Somit kamen auch russische Jugendliche an eine Kopie von “Heartbreak Hotel”. Sie mussten allerdings damit zurechtkommen, dass auf dieser vielleicht ein Tumor zu sehen war.

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wikimedia.org

Von den Stilyagis zu Rockabillies

Die Haltung, die die Obrigkeit in Russland gegenüber Stilyagis und westlicher Rockmusik einnahm, schwankte. Während es unter Nikita Khrushchev Ende der 50er Jahre kurzzeitig zu einer dramatischen Öffnung kam und 1957 im Rahmen des Internationalen Jugend- und Studentenfestivals amerikanische Jazz- und Rock’n’Roll-Bands in Moskau zu hören waren, wurde schon ein Jahr später der Verkauf von Musik auf Röntgenbildern für illegal erklärt. Stilyagi, die sich davon nicht beirren ließen, mussten damit rechnen, in einem sowjetischen Arbeitslager zu landen.

Doch allen Verfolgungen zum Trotz überdauerten die Stilyagi auch die nächsten Jahrzehnte. In den 60er Jahren nahm der Verkauf von X-Ray-Platten sogar zu. Diesmal waren es hauptsächlich die Songs der Beatles und ihrer englischen Kollegen, die sich unter den Röntgenaufnahmen verbargen. In den 80er- und 90er Jahren schließlich bekamen die Stilyagi Konkurrenz, zum Beispiel durch den legendären “Leningrad Teddy Boys Club” und lupenreine russischen Rockabillies. Dabei verhielten sich diese einzelnen Gruppen zueinander genauso, wie es ihnen englische Mods, Rocker und Punks vorgemacht hatten. Statt sich gemeinsam an westlicher Musik und Mode zu erfreuen, lieferten sie sich aufsehenerregende Schlägereien in den Straßen von Moskau oder Leningrad.

Und heute? Heute sind die Stilyagi ein Stück russischer Geschichte, die auch schon filmisch festgehalten wurde. Rockabilly aber lebt in Russland, Bands wie diese sind der beste Beweis dafür:

 

 

 

 

 

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