“Das Album, das ich schon immer machen wollte” – Interview mit Tami Neilson

Tami Neilson

 

Wer Tami Neilson und ihre Band einmal live erlebt hat, vergisst dieses Ereignis nicht so schnell. Mit ihrem neuen Album könnte die stimmgewaltige Powerfrau endlich auch außerhalb ihrer Heimat Neuseeland durchstarten. Schließlich kombiniert sie auf “Kingmaker” nicht nur eine orchestrale Soundkulisse mit exzellentem Songwriting. Auch ein besonderer Stargast hat seinen Auftritt.

Wir haben uns mit Tami Neilson darüber unterhalten, warum dieses Album anders ist als die anderen, was Corona damit zu tun hat und wie sie einen der größten lebenden Countrystars als Duettpartner gewann.

“Ich wusste von Anfang an genau, was ich erreichen wollte.”

RR: Du hast dein neues Album mitten während der Pandemie aufgenommen? Hat das das Ergebnis beeinflusst?

TN: Ich glaube, ich hätte dieses Album ohne die Pandemie nie so aufgenommen.

Früher habe ich pedantisch darauf geachtet, dass sich meine Musik live reproduzieren lässt. Ich wollte auf keinen Fall, dass mein Publikum enttäuscht ist. Darum waren alle meine Alben eher Lo-Fi und reduziert.

Als wir die neue Platte aufgenommen haben, war  an Touren bis auf Weiteres nicht zu denken. Das hat mir die Freiheit gegeben, das Album zu machen, das ich schon immer machen wollte. Ich dachte: „Ich werde diese Platte sowieso nicht touren können, also sind mir keine Grenzen gesetzt.“

Jetzt bin ich natürlich total aufgeschmissen (lacht).

RR: Hast du schon immer von einem orchestralen Sound mit vielen Streichern geträumt?

Ja. Das geht zurück bis in meine Kindheit. Bisher hatte ich aber entweder nicht die Zeit oder das Geld dafür. Oder ich habe mir zu viele Sorgen gemacht, dass ich die Musik nicht auf die Bühne bringen kann.

Aber der größte Unterschied zu meinen anderen Alben und etwas, auf das ich richtig stolz bin, ist, dass ich zum ersten Mal eine Platte selbst produziert habe.Ich hatte von Anfang an eine sehr klare Vorstellung davon, was ich erreichen wollte, und überlegte, wen ich als Produzent anfragen sollte. Dann dachte ich: Warum suche ich nach jemandem anderen, wenn ich schon genau weiß, was ich will? Und was, wenn die andere Person versucht, zu ändern, was ich machen will?

tami neilson

Selbst die Zügel in die Hand zu nehmen, hat mich zuerst natürlich  nervös gemacht. Aber ich glaube, die entscheidende Aufgabe in einem solchen Moment besteht darin, ein Team zusammenzubringen, das die eigenen Vorstellungen umsetzen kann. Und als ich im Studio war, war dieser Job schon erledigt. Dann ging es vor allem darum, alle Beteiligten sanft darauf hin zu stoßen, was ich erreichen will, und sie machen zu lassen.

Was mir letztendlich den Mut gab, zu sagen „Ich kann das“, waren andere Musikerinnen, die ihre Alben selbst produzieren, zum Beispiel Brandi Carlile. Auch Leute wie Dusty Springfield oder Bobby Gentry, die die Musik auf Kingmaker stark beeinflusst haben. In den Biografien, die ich gelesen habe, heißt es, dass die männlichen Produzenten, die die Labels für ihre Platten engagiert hatten, teilweise gar nicht bei den Aufnahmesessions anwesend waren. Sie wurden trotzdem als Produzenten genannt, weil das Teil das Plattenvertrags war. Es gibt immer noch so wenige weibliche Produzenten und ich glaube, das ändert sich nur, wenn mehr junge Frauen sehen „Oh, die können das auch“.

RR: Welche Auswirkungen hatte die Pandemie denn sonst auf dich als Musikerin und die Szene, in der du dich bewegst?

TN: Ein wichtiger Teil unserer Arbeit als Musiker besteht nun mal darin, zu reisen und vor vielen Menschen zu spielen. Also verschwand unsere Arbeit praktisch und wir waren die letzten, die sie am Ende wieder ausüben durften. Es war wirklich sehr hart.

Jetzt bin ich auf meiner ersten internationalen Tour seit drei Jahren in Kanada und auf der einen Seite freue ich mich . Auf der anderen Seite ist alles furchtbar kompliziert: Die Fluggesellschaften haben Probleme, Benzin und Hotelzimmer sind drei Mal so teuer wie vor der Pandemie… Die komplette Infrastruktur, die wir für das Touren brauchen, liegt in Scherben, und die Gewinne werden kleiner und kleiner. Damit es trotzdem klappt, spielst du hauptsächlich Festivals und tourst mit kleinen Bands.

“Das erste Mal, als Willie Nelson und ich zusammen sangen, war total überwältigend.”

RR: Eine Geschichte, die du uns noch unbedingt erzählen musst – auch wenn du sie sicher schon oft erzählt hast –, ist, wie das Duet mit Willie Nelson auf „Kingmaker“ zustande kam.

TN: Oh, ich kann diese Geschichte immer wieder erzählen. Das ist wahrscheinlich eine Story, die ich noch von mir gebe, wenn ich 90 bin und alle um mich herum denken: „Oh nein, diese Geschichte haben wir schon tausend Mal gehört“. (Lacht)

Ich sollte Willie Nelsons Festival “Luck Reunion” im März 2020 spielen und eine Woche vorher versank die ganze Welt im Chaos. Die Veranstalter aber gehörten zu den ersten, die ihr Event ins Internet verschoben. Ich spielte dann auch drei Songs nur akustisch.

Nach dem Streaming-Konzert hatte ich massenweise neue Fans auf Social Media, was sehr aufregend war, und interagierte mit vielen neuen Leuten. Auf Twitter gab es eine Frau, die auf alles reagierte, was ich postete, und immer wieder betonte, wie sehr sie meine Musik liebte. Wir kommunizierten für einige Monate. Dann fing sie an, meinem Bruder Jay auf Twitter zu folgen. Er nahm ihr Profil unter die Lupe und sagte zu mir: „Hey, weißt du eigentlich, wer Annie ist? – Nein. – Annie ist Willie Nelsons Frau.“. Ich dachte „Oh, du hast Willie Nelsons Frau unanständige Memes geschickt.“ Wir vertieften dann unsere Freundschaft online und tauschten schließlich unsere Nummern aus.

Ein Jahr später war ich in den Vorbereitungen für mein Album und schrieb diesen einen Song zusammen mit einem Freund, Delaney Davidson. Er hatte kürzlich seinen Vater verloren und ich vor einigen Jahren meinen. Wir schrieben den Song als ein Duett, eine Konversation zwischen mir meinem Vater. Es dauerte Monate, bis ich den Mut aufbrauchte, Annie zu fragen, ob Willie Nelsoninteressiert daran wäre, auf einem Song auf meinem neuen Album zu singen. Sie sagte „Oh, ja, schick ihn durch und wir schauen, ob er ihm gefällt.” Also schickte ich Willie Nelson, einem der besten Songwriter in der Countrymusik, meinen Song.

Kurz und gut, er sagte “Ja”. Aber bis er mir seine Vocals schickte, verging eine lange, ziemlich nervenaufreibende Zeit. Die Deadline für das Mastering rückte näher und ich dachte darüber nach, wen ich sonst noch fragen könnte,. Dann, als ich gerade mit einem Freund spazierengehen war, bekam ich eine Nachricht von Annie “Du wirst es lieben.”

Ich weiß gar nicht mehr, wie ich heimkam. Sobald ich zu Hause war, spielte ich den Song und brach einfach zusammen. Ich weinte vor Freude und vor Trauer, weil ich wünschte, dass mein Vater das hören könnte – es kam alles zusammen. Ich habe heute noch Angst, dass ich morgens aufwache und alles nur ein Traum war.

RR: Du hast den Song auch live mit ihm gespielt?

TN: Ja, sogar zwei Mal, in der Woche, als Neuseeland die Grenzen wieder öffnete. Ich flog in die USA und traf ihn und Annie endlich persönlich. Das erste Mal, als wir zusammen sangen, war überwältigend. Am Tag davor hatten wir eine kleine Probe in seinem Wohnzimmer. Dabei stoppte er plötzlich und sagte “That’s a good line there”. Und ich dachte: Ab heute ist es egal, was andere über mein Songwriting sagen. Wenn sie es nicht mögen, auch gut. Willie Nelson gefällt es.

Mehr Infos zu Tami Neilson und Kingmaker findet Ihr auf https://www.tamineilson.com/

 

Titelbild: Sophia Bayly