Horatio XII/2

Horatio schrieb:

Der Postwagen

 

Nächsten Dienstag nach dem Mittagessen fuhren Nic und ich wieder zu Hector. Unser Plan war bis in alle Einzelheiten ausgearbeitet, alle Eventualitäten waren berücksichtigt worden. Unglücklicherweise hatten wir zum Zeitpunkt der Fertigstellung des Plans jeder bereits eine Flasche Obstler genossen. Um das Maß voll zu machen und weil man gerade so gemütlich beisammen saß, feierten wir unser Vorhaben anschließend noch gebührlich. So kam es, das sich leider niemand mehr an die ausgearbeiteten Einzelheiten erinnern konnte.

Zum Beispiel stimmten die Witterungsverhältnisse für unseren Plan nicht mehr so ganz. Der Schnee war zum größten Teil weggetaut und Nebel lag auch nicht mehr über den Feldern und Auen. Im großen und ganzen war die Welt zwar braun und schneematschig, aber man kam fast überall gut durch und hatte freie Sicht.

Bei Hector angekommen besprachen wir – natürlich erst nach der traditionellen, streng festgeschriebenen Begrüßungszeremonie – wie wir zu improvisieren gedachten.

In den Abendstunden erwarteten wir, dass die Temperatur wieder unter den Gefrierpunkt rutschen würde. Das war schon mal von Vorteil für uns. Da Hector Mitglied bei der freiwilligen Feuerwehr Groetentrop war, hatte er einen Schlauch besorgt. Nach dem Einsetzen der Minustemperaturen würden wir an der vorgesehenen Stelle den Weg unter Wasser setzen und bald würden wir eine feine spiegelglatte Fläche haben, die für einen Automobilführer völlig unerwartet käme. Unerwartet und plötzlich taucht in unseren Gefilden auch immer Nebel auf, dafür ist die Gegend bekannt. Drum würden wir Wasser in einer großen alten Zinkbadewanne auf einem Feuer erhitzen. Die würden wir je nachdem aus welcher Richtung der Wind wehte positionieren, so dass der Wasserdampf in Richtung der vereisten Stelle treiben würde.

Der Postwagen fuhr immer von der Autobahnausfahrt auf die Landstraße und dann als erstes über einen einspurigen Weg zu Hectors Hof. Den Unfallort hatten wir so ausgesucht, dass er ein ganzes Stück von der Landstraße auf diesem Weg lag, in einem Waldstück vor neugierigen Blicken geschützt. Eine schnelle Pannenhilfe war in unserem Landstrich sowieso nicht zu erwarten.

Wir beschlossen uns zu maskieren, da wir aus Datenschützgründen gerne anonym bleiben wollten. Hector selber wählte einen Damenstrumpf seiner Frau, er war aber nicht einverstanden mit unserer Art uns unkenntlich zu machen. “Papstmützen? Ich bitte euch! Was auffälligeres gibt es doch nicht!”

“Der Fahrer wird erzählen, dass es Päpste waren. Das ist erstens gut, weil wir in Wirklichkeit gar keine Päpste sind, dann wird niemand auf uns kommen. Und zweitens wird man ihn dann für verrückt halten und kein Wort glauben.” argumentierte Nic in ihrer unermesslichen Weisheit.

“Oh bitte! Wer sind wir denn? Die Mitra Bande? Man kann doch eure Gesichter sehen!”

“Dann musst du mit dem Strumpf aber auch was falsch verstanden haben, sonst hättest du keinen Netzstrumpf genommen!”

“So mache ich nicht mit! Da könnt Ihr euch auf den Kopf stellen.”

Man sollte Nics unermesslicher Weisheit nicht widersprechen: “Weiß deine Frau eigentlich…?”

“Aaargh, schon gut, meinetwegen. Aber sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt.”

Der Postwagen kam pünktlich gegen fünf. Das Eis auf dem Weg glitzerte und der Wasserdampf ließ uns kaum die Bäume auf der gegenüberliegenden Seite des Weges sehen. Wir hörten bereits den Motor des Kleinlasters. Nic und ich saßen hinter einem Busch auf der rechten Seite des Weges, Hector lag auf der linken Seite im Graben auf der Lauer. Schon bog der Postwagen um die Ecke. Der Fahrer steuerte ihn in die Nebelwolke und auf die Eisfläche, wo er ins Schleudern geriet. Er drehte sich mit dem Wagen um 360 Grad, gab Gas und…

…fuhr geradeaus weiter.

Ich denke nicht, dass jemals irgendjemand Päpste sah, die enttäuschter aussahen als wir.

Tja, die Weihnachtsgeschenke wären wohl ausgefallen, wenn uns der gute alte Zufall nicht zu Hilfe gekommen wäre. Fünfzig Klafter weiter den Weg hinauf sprang überraschend ein Wildschwein aus dem Gehölz und lief auf die Fahrbahn. Der Fahrer versuchte auszuweichen, bremste, erwischte das Tier jedoch mit aller Wucht seitlich und knallte dann frontal auf eine Fichte.

Ich denke nicht, dass jemals irgendjemand Päpste sah, die fröhlicher aussahen als wir.

Wir liefen auf die Unfallstelle zu. Als wir dort angelangten wurde die gelbe Fahrertür aufgestoßen und ein benommener Postbeamter in blauer Uniform taumelte auf die Straße. Am Kopf hatte er eine Platzwunde von beachtlicher Größe. “Du Schwein!” schallte es auf einmal aus dem Wald und hinter dem Postboten tauchte ein tobender Hector auf. Der Knüppel, den der vor Zorn gerötete Hector schwang, ließ uns ahnen, dass er nicht das Wildschwein meinte. Hector ist sehr tierlieb, muss man wissen, er ist sogar Vegetarier.

Wir hatten alle Mühe Hector davon abzuhalten, den Postboten auseinanderzunehmen, aber es gelang uns schließlich, ihn zu beruhigen, indem Nic ihn fragte, ob seine Frau eigentlich wüsste…

Inzwischen hatte der Postbote ein Mobiltelefon aus der Jacke gezogen und versuchte Hilfe zu holen. “..wenn ich es doch sage! Ja! Und hier sind zwei Päpste, die haben mich vor einem perversen Strumpffetischisten gerettet. Ich habe…”

TONK!

Der Postbote fiel ohnmächtig in den braunen Schneematsch. Nic fing sein Mobiltelefon noch in der Luft auf. In der anderen Hand hielt sie den Knüppel, den sie Hector abgenommen und gerade an seiner statt benutzt hatte.

Sie schaute mich an, zuckte mit den Schultern und übernahm das Gespräch.

“Mein Name tut nichts zur Sache. Hier spricht der Geheimdienst?”

“Welcher Geheimdienst?” fragte die Stimme am anderen Ende der Leitung`.

“Der ,BESSER‘.”

“Das hört sich ja mal scheiße an! Was soll dass denn für ein Geheimdienst sein? Nie gehört.”

“Da kannst du mal sehen, wie geheim der ist.”

“Und was soll die Abkürzung heißen, ,BESSER’?

“Das heißt, ‘Besser, du kümmerst dich um deinen eigenen Kram.’”

“Das passt doch gar nicht zu den Buchstaben. Das hieße doch ‘BDKDUDEK’.”

“Oh, das ist uns noch gar nicht aufgefallen. Da müssen wir mal über eine Umbenennung nachdenken. Pass mal auf, Schlaumeier! Dein Postkumpan, der … äh, wie heißt der noch mal?”

“Hermes Trismegistos. Wir nennen ihn auch einfach ‘den Griechen’.”

“Ja, also der Herpes Dingsta, der ist im Besitz von sehr geheimen Informationen und brisantem Material, an dem die geheime Weltregierung und auch der Vatikan sehr interessiert sind. Du verstehst sicher, dass unsere Organisation deshalb bereit ist, so ziemlich alles dafür zu tun, um zu vermeiden, dass diese Dinge in die falschen Hände geraten, wo sie größten Schaden anrichten könnten.”

“Ja. Ja, das verstehe ich.”

“Deswegen müssen wir den Postwagen leider beschlagnahmen und verschwinden lassen. Hermes Trittmichdoch wird eine Weile in unseren unterirdischen Labors verbringen, wo er einer Gehirnwäsche unterzogen wird. Wenn er überhaupt wiederkommt, wird er nicht mehr derselbe sein. Das verstehst du doch sicher auch?”

“Klar, verstehe ich gut.”

“Möchtest Du ihm gerne Gesellschaft leisten?”

“Eher nicht.”

“Dann möchte ich gerne auf den Namen unsres Geheimdienstes zurückkommen. BESSER du stellst keine Fragen. BESSER Du erzählst niemandem davon. BESSER du löscht diese automatische Gesprächsdokumentation und trägst Sorge dafür, dass die Ortungsdaten dieses Mobiltelefons ebenfalls gelöscht werden. BESSER du vergisst anschließend, dass wir jemals miteinander gesprochen haben. Verstehst du jetzt auch warum wir so heißen?”

“Alles klar. Äh, darf ich etwas fragen.”

“Schieß los!”

“Wenn das alles so wichtig ist und wenn ich alles so mache, wie sie sagen, krieg ich dann vielleicht einen Orden?”

“Ganz sicher!”

“Mit Kreuz und am Band?”

“Auf jeden Fall!”

“In Gold?”

“Jetzt aber!”

“Ok, schon gut. Dann auf Wiederhören!”

“Bloß nicht!” brummte Nic leise und schaltete das Mobiltelefon aus.

Im Hintergrund saß Hector bei dem toten Wildschwein, streichelte dessen Kopf und weinte bitterlich. Von Zeit zu Zeit heulte er “Das Schwein hat das Schwein umgebracht!”

Aus einem leckeren Festtagsbraten würde wohl nichts werden. Diese Wildsau würde ein ordentliches Begräbnis bekommen. Wenn der Pastor nicht gerade wegen der Weihnachtszeit so viel zu tun hätte, würde Hector ihn wahrscheinlich sogar zwingen, die Grabrede zu halten.

In seinem Schmerz war Hector leichter zu überreden, dass der Inhalt des Postwagens drei zu eins zu unseren Gunsten aufgeteilt wurde, dass wir aber wegen des weiten Weges zusätzlich auch den Laster selber benötigen würden, um unsere Anteile transportieren zu können.

Dieser Tag kam also zu einem guten Ende und Weihnachten konnte kommen.

Die Luft war sehr klar.

Es sah nach Neuschnee aus.

Wenn in den Wolken am Nachthimmel von Zeit zu Zeit eine Lücke aufbrach, erleuchtete der Vollmond den Waldweg.

Eine Windböe fegte über den Kopf eines Postbeamten, der am Rande des Weges im Graben schlief. Von der eisigen Kälte des Windes wachte der Postbeamte auf. Sein Kopf und seine Glieder schmerzten.

Hermes Trismegistos schaute sich um und sah den Papst am Grabenrand sitzen. Der Papst spuckte etwas aus und fragte: “Kautabak?”

Hermes schüttelte den Kopf, aber nicht sehr lange, denn es tat ziemlich weh.

“Wo bin ich? Wie kam ich hierhin und was ist passiert?”

“Nun Herpes, du solltest dich lieber fragen wo du hin willst. Was nützt es, an der Vergangenheit und der Gegenwart festzuhalten? Man muss in die Zukunft schauen.”

“Ich heiße Hermes, um genau zu sein, aber woher kennen Sie meinen Namen?”

“Da fragst du? Ich bin der Papst, Mann! Ich weiß alles?”

“Gott weiß alles, der Papst nicht. Außerdem bin ich griechisch-orthodox.”

“Kann sein. Immerhin weiß ich, wie du nach hause kommst.” sagte der Papst.

Dann erklärte der Papst dem Hermes den Weg zur Autobahn, wo er sich an einer Notrufsäule abholen lassen könnte.

“Eine Frage hätte ich noch.” sagte Hermes.

“Bitte.” sagte gnädig der Papst.

“Wie heißen Sie eigentlich?”

“Mein Name ist H.B. der Erste. Merk Dir meinen Namen gut.” sagte der Papst und ging von dannen.

1 Comment

  • Ines Lücker sagt:

    Juuhhu… bei Matsch und Schnee und mit ner guten Stunde Verspätung im Büro angekommen und dann ein neuer Horatio. Jetzt ist die Welt doch wieder viel bunter…!

    Viele Grüße aus dem kalten Norden
    Ines

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